Träumen – Die andere Wirklichkeit


Mann scheint über dem Boden zu schwebenAllgemein verbinden wir mit dem Begriff “Wirklichkeit” jene Wahrnehmungen und Erfahrungen, die wir in einem bestimmten Bewusstseinszustand, dem so genannten Tagesbewusstsein, haben. Andere Bewusstseinszustände, wie z.B. das Träumen begreifen wir als irreal oder illusorisch. “Träume sind Schäume” wie es so schön heißt. In dieser Weltanschauung verbirgt sich, oder vielmehr offenbart sich eine Geisteshaltung, die den Geist als auf den physischen Körper beschränkt ansieht. Alles, was außerhalb dieser physischen Grenze der Haut geschieht ist real, alles was innerhalb existiert ist Phantasie, ist Illusion, ist Traum. Dass aber auch diese “Außeneindrücke” interpretiert, gefiltert und verändert sind, darauf bin ich in den vergangenen Kapiteln ausgiebig eingegangen.

Henri Bergson (1859 - 1941) führt in seinem Buch “Zeit und Freiheit” die Trennung von Reiz und Empfindung ein. Anhand psychischer Experimente zeigt er, dass der Reiz einer Messung zugänglich ist, die Empfindung jedoch nicht. Daraus folgt jedoch keine generelle Unvereinbarkeit von Reiz und Empfindung, sie gehören nur verschiedenen Seinsebenen an. In der Fortsetzung seiner Ergebnisse aus “Zeit und Freiheit” zeigt Bergson, dass das Verhältnis von Außen- und Innenwelt dieser wechselseitigen Beeinflussung unterworfen ist. Jedoch wird die Außenwelt nach Bergson nie so erfahren, wie sie ist, sondern so, wie sie der Mensch zur Bewältigung seiner Lebensfunktionen benötigt. In “Materie und Gedächtnis” wird Materie für Bergson, ähnlich wie für George Berkeley, identisch mit ihrer Vorstellung. Er sieht hier die geistigen Phänomene in Unabhängigkeit von den körperlichen. “Nicht das Gehirn denkt, sondern der denkende Geist bedient sich des Gehirns”. Damit ist die Trennung von Innen und Außen aufgegeben.

Daher stellt sich natürlich die Frage: Was ist real? Australische Aborigines halten das Träumen z.B. für viel realer als das Tagesbewusstsein. Auch der daoistische Philosoph Dschuangdsi war in seiner berühmten Geschichte sehr verunsichert. Er träumte, er sei ein Schmetterling und als er erwachte, wusste er nicht: "Bin ich Dschuangdsi, der träumte, er sei ein Schmetterling, oder bin ich ein Schmetterling, der träumt, er sei Dschuangdsi?"
Träumender und Geträumtes werden scheinbar austauschbar.

Auch der Kybernetiker Gregory Bateson sieht den Geist, das Selbst, als nicht durch die Haut begrenzt, sondern die Information, die zu diesem Selbst gelangt, umfasst alle äußeren Bahnen des Informationsflusses, wie Gedanken, Licht, Klang, Temperatur und alle Aspekte von Himmel und Erde. Damit ist jede Grenze zwischen Mensch und Umwelt fiktiv und willkürlich. Bateson benutzt die Analogie von einem Blinden, der mit einem Stock die Straße hinabgeht: “Wo beginnt das Selbst des Blinden? An der Spitze des Stockes? Am Griff des Stockes? Oder irgendwo in der Mitte des Stockes? Diese Fragen sind unsinnig, weil der Stock ein Weg ist, auf dem Unterschiede übermittelt werden”. So kann Landschaft zum Teil des menschlichen Geistes werden und der menschliche Geist zum Teil der Landschaft.




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Kommentare (1)

  1. Olaf Rendler:
    19.11.2017 21:20

    Vielen Dank für eure wirklich excellenten Beiträge! Ihr zeigt damit immer wieder, dass auch in (relativ)wenigen Worten viel Tiefe transportiert werden kann.

  1. 1

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