Erde und Mensch: Das Märchen „Die zwölf Brüder“


Frau mit Stern und 12 RabenMärchen sind Mythen mit einer tiefen Symbolik. Sie greifen zurück auf kulturelle seelische Erfahrungsschätze. Viele dieser Seelenerfahrungen reichen dabei weit in die grundlegende Beziehung von Erde und Mensch hinein. In dieser Reihe wollen wir dem geomantischen Gehalt einiger Märchen nachspüren.

Wer das Märchen nicht kennt und noch einmal lesen möchte, findet es HIER 

 

 

 

 

 

 

Das Märchen „die zwölf Brüder“ hat eine starke Verwandtschaft z.B. zu den Märchen Die sieben Raben oder auch Die sechs Schwäne. Auch hier ist es eine Schwester, die ihre Brüder vor dem Fluch, bzw. dem Tode erretten muss. Auch in diesem Märchen sind die Brüder in Vögel verwandelt:

Die Königin ist schwanger und der König droht, wenn das Kind ein Mädchen würde, würde er ihre zwölf älteren Brüder töten.

Die offensichtliche Polarität der Zahlen 12 und dem Mädchen als 13. Kind, das die 12 Brüder in Todesgefahr bringt, lässt zunächst wie in Dornröschen an eine Polarität, ja sogar Dualität, zwischen dem männlichen und weiblichen Prinzip denken. Das Mädchen als 13. Kind des Königspaares, das den 12 Brüdern den Tod bringt – wobei die 13 mit dem Mondzyklus verbunden ist und die 12 eine Sonnenzahl darstellt – könnte die Rolle des dreizehnten Mondmonats im Sonnenjahr darstellen, der alle zwei bis drei Jahre erfahrbar wird und die „natürliche Harmonie“ stört.

Doch alte Mythen zeigen deutlich, dass der Mythos, auf dem „Die zwölf Brüder“ beruht, viel grundlegender ist. Bereits ein hethitisches Textfragment aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. erzählt eine formal sehr ähnliche Geschichte: Eine Mutter, die 30 Söhne auf einmal gebiert, setzt diese auf einem Fluss aus, worauf die Götter sie retten und aufziehen, bis die jüngste Schwester sie erkennt...

Wir müssen uns also fragen: Wer ist die Schwester? Wer ist jenes Mädchen, das den Brüdern zunächst den Tod bringt und sie letztlich dennoch ins Leben zurückholt?

Nachdem die Mutter die 12 Söhne im Wald in Sicherheit gebracht hatte, gebiert sie tatsächlich eine Tochter und die zwölf Brüder sind dem Tode geweiht. „Das Töchterchen, das ihre Mutter, die Königin, geboren hatte, war nun herangewachsen, war gut von Herzen und schön von Angesicht und hatte einen goldenen Stern auf der Stirne.“ Der Stern auf der Stirn des Mädchens ist so wichtig, dass er gleich mehrmals erwähnt wird und zwar immer in einer Schwellensituation: Wenn das Mädchen das Haus der Brüder findet, als es sich ihren Brüdern offenbart und als der Königssohn das Mädchen auf einem Baume sitzen sieht. Der Stern auf der Stirn ist ihr Attribut, an ihm sollten wir sie erkennen.

 

Seschat

Hieroglyphe SeschatDie altägyptische Göttin Seschat ist seit der 2. Dynastie belegt, obwohl sie selbst wiederum auf offenbar noch viel ältere Göttinnen zurückgeht. Die Göttin legte bei der Errichtung von Tempelanlagen den Grundriss und vor allem die Tempelachse fest, hütete die Geschichtsaufzeichnungen und nahm eine zentrale Rolle im Toten- und Ahnenkult ein: Sie reinigte die Gliedmaßen der Verstorbenen und bereitete sie so auf das spätere Weiterleben vor. Sie ist eine Göttin des Lebens und des Todes. Das Ritual der Mundöffnung der Verstorbenen unterlag u.a. ihr. Das Attribut der Göttin Seschat war ein achtstrahliger Stern über ihrem Haupt. Er bildet auch den Hauptteil ihrer Namenshieroglyphe, die manchmal als ein Stern mit darüber liegendem Hörnerpaar oder auch als eine Blume mit einem Monatszeichen und zwei Federn darüber gedeutet wird. Seschat ist die Schicksalsgöttin. Ihr Name wird darum übersetzt mit „die, die das Schicksal schreibt“. Ein weiteres Attribut ist das von Ihr getragene Panterfell. Sie teilt dieses mit der babylonischen und hethitischen Göttin des Kriegs und der geschlechtlichen Liebe Ištar, die auch in der Venus wiedererkannt wurde.

Wie Ištar und Seschat ist die Venus Todes- und Liebes/Lebensbotin in einem. In Mesopotamien war Ištar/Venus als Morgenstern männlich und als Abendstern weiblich gedacht. So erkennen wir in der jungen Schwester bis hin zu ihrem Attribut des Sterns auf der Stirn die polare Kraft der Venus wieder.

 

Die zwölf Brüder

Natürlich stellen die zwölf Brüder einerseits die 12 Monate und den mit ihnen verbundenen 12 Tierkreiszeichen dar, den solaren Jahreszyklus. Mit der Sonnenkraft verbunden ist andererseits die Bewusstheit und die Vitalität. In mehreren Symbolen wird ihre Verwandlung und damit ihr Tod symbolisiert: 12 Särge werden für sie gezimmert, die Brüder verlassen das Reich und ziehen in den Wald, durch das Abpflücken der zwölf Lilien verwandeln sich die zwölf Brüder in Raben. Wie schon im Märchen „Die 7 Raben“ besitzt der Rabe als Totenvogel den Kontext der Seelenreise, die die Brüder durch ihre Verwandlung antreten. Das Pflücken der Lilien führt zur Transformation. Lilien werden vor allem durch die Dreizahl der stilisierten Blüte charakterisiert, die wiederum auf die Schicksalsgöttinnen verweist . Das Brechen der dreigestaltigen Blüte – von Körper, Seele und Geist – lässt die Brüder die Schwelle zur Seelenreise überschreiten. Die Schwester - Ištar/Seschat/Venus – tritt hier als Todesgöttin auf, die die Reise initiiert.

Die Schwester ist erschrocken über die Wirkung des Blumenpflückens. >Da war nun das arme Mädchen allein in dem wilden Wald, und wie es sich umsah, so stand eine alte Frau neben ihm, die sprach: "Mein Kind, was hast du angefangen? Warum hast du die zwölf weißen Blumen nicht stehen lassen? Das waren deine Brüder, die sind nun auf immer in Raben verwandelt." Das Mädchen sprach weinend: "Ist denn kein Mittel, sie zu erlösen?" - "Nein," sagte die Alte, "es ist keins auf der ganzen Welt, als eins, das ist aber so schwer, daß du sie damit nicht befreien wirst, denn du mußt sieben Jahre stumm sein, darfst nicht sprechen und nicht lachen, und sprichst du ein einziges Wort, und es fehlt nur eine Stunde an den sieben Jahren, so ist alles umsonst, und deine Brüder werden von dem einen Wort getötet."<

Jacob Grimm hat hier in das ursprüngliche Märchen stark eingegriffen. In der ersten Auflage der Märchen von 1812 stehen die Lilien noch im Wald und das auferlegte Schweigen muss 12 Jahre dauern. In seinem Bemühen, der Angleichung an die klassische Siebenersymbolik in Märchen verfälscht ein einen wichtigen Aspekt.

 

Der Venuszyklus

Die Venus tanzt am Himmel einen kosmischen Tanz. Dabei kommt es sich wiederholend zu einer Konjunktion von Venus, Sonne und Erde. An fünf Punkten des Firmaments tritt diese Konjunktion auf und damit in fünf Tierkreiszeichen, wobei die Venus alle 12 Sternbilder (also die Brüder) mit der Sonne durchwandert. Nach acht Jahren schließt sich der Zyklus und die Konjunktion findet nahezu am gleichen Punkt im selben Sternzeichen statt. Die Venus hat innerhalb von acht Jahren ein Pentagramm an den Himmel gezeichnet. Die Astronomen Babylons nannten dies die Ištar-Periode. Acht Jahre braucht der vollständige Zyklus, weshalb die Göttin Seschat einen achtstrahligen Stern über dem Haupt trägt.

Doch zwölf Jahre muss die Schwester schweigen. Wie oben beschrieben, war Seschat mit verantwortlich für das Mundöffnungsritual, das die Seele freisetzte. Mit der Mundöffnung endet eine Etappe der Seelenreise und die Seele wird befreit. Deshalb darf auch das Mädchen seinen Mund nicht öffnen bis der Zyklus zu Ende geht.

Nun dauert es aber in der Originalversion zwölf Jahre und damit eineinhalb Venuszyklen. Venus ist die Göttin des Todes und des Lebens/der Liebe. Im ersten Zyklus der 8 Jahre durchwandert sie in ihrem kosmischen Tanz alle 12 Sternbilder. Doch sie startete ja als Todesgöttin, als Morgenstern (nicht umsonst hat die ritterliche Waffe diesen Namen). Sie pflückte die Lilien (interessanterweise wird die Hieroglyphe der Seschat ja auch als Blume gedeutet) und verwandelte die Brüder in Seelenvögel. Nach 8 Jahren ist sie wieder in der alten Position. Startete sie ihren Tanz z.B. im Todessymbol des Skorpions, so ist der Zyklus zwar durchschritten, aber die Wiedergeburt noch nicht da. Nach einem halben weiteren Zyklus aber 8 + 4 = 12 Jahre steht die Venus nun als Abendstern, als Heilsbringerin im Sternbild Stier, das Körperlichkeit, Fruchtbarkeit und Heilung verspricht. Darum muss die Schwester zwölf Jahre schweigen. Nun ist sie in ihrer Kraft als Lebensbringerin. Die Brüder werden erlöst und bewahren nun ihrerseits ihre Schwester vor dem Tod auf dem Scheiterhaufen.

„Die zwölf Brüder“ zeigt wie „Die sieben Raben“ eine Seelenreise im Zyklus der Sterne. Das Märchen greift dabei auf uralte Mythen zurück, die die Zyklen der Venus – wie auch bei den Mayas – für das Stirb und Werde ursächlich zeigen. "Ich bin eine Königstochter und suche meine zwölf Brüder und will gehen, so weit der Himmel blau ist [= Über das Firmament], bis ich sie finde." Dier Erneuerung der Seelenkraft und damit auch der Vitalität der Erde im Zyklus der Venus.

 

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Bild © Stefan Brönnle (Vorlage: gemeinfrei)


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