Ethik der rituellen Arbeit


Eine Frau zelebriert im Wald ein RitualWie hier schon mehrfach dargelegt, habe ich ein nicht-dualistisches Weltbild (Siehe Der Dualismus von Gut und Böse...). In unserem letzten Beitrag über Schwarze Magie wurde dagegen dargelegt, dass der Begriff der Schwarzen Magie aus dem dualistischen Denken entspringt und u.a. als Kampfbegriff der Kirche gegen naturrituelle Praktiken verbreitet wurde. Liest man dies, kann man schnell der Auffassung sein, Schadmagie, bzw. Rituale mit schädigender Absicht gibt es nicht. Natürlich ist dem nicht so. Schadmagie ist im schamanischen Kontext, im afrikanisch-südamerikanischen Voodookult, ja auch bei uns in Mitteleuropa leicht belegbar. Ich selbst bin Menschen begegnet, die Schadmagie bewusst einzusetzen bereit sind.

Doch die Trennung in Gut und Böse bewirkt stets, dass man sich selbst auf der guten Seite wähnt und seine Handlungen dadurch rechtfertigt, auch wenn sie ethisch gar nicht so unproblematisch sind. Schnell werden rituelle Handlungen mit Blut als dunkel und schwarzmagisch abgekanzelt und harmlos erscheinende Schutzrituale zur Bannung „böser Geister" als ethisch unproblematisch gesehen. Und genau hier liegt meine Problematik. Durch die scheinbar offensichtliche Einteilung in Gut und Böse werden wir nicht zum Innehalten angeregt, eigene Motive und Ritualformen zu hinterfragen. Gut gemeint ist aber sehr oft das Gegenteil von Gut. Die äußere Ritualform trügt oft. Das Fremdartige gaukelt uns ein Bild vor, dass wir in eine Schublade packen können. Wir sehen eine gehörnte Gestalt auf einem rituellen Altar und assoziieren das christliche Bild des Teufels. Wir hinterfragen nicht mehr, wir urteilen. Doch der Gehörnte ist in einer vordualistischen Betrachtung alles andere als böse. Wir sehen Blut auf einem Ritualstein und assoziieren ein grausiges Blutopfer. Wir haben nicht gesehen, dass das Blut vom Durchführenden des Rituals selbst stammt. Wir sehen einen katholischen Priester, der offenbar Wasser segnet, um es in Weihwasser zu transformieren. Die lateinisch gesprochenen Worte „Exerciso te, creatura aquael" – „ich treibe Dich aus, Wasserwesen!" hören oder verstehen wir dabei nicht. Der Segen wird als gut interpretiert, obwohl eine innewohnende Geisteskraft gebannt und vertrieben wird.

Ethisches Handeln bedarf des beständigen kritischen Überprüfens. Wichtiger Grundsatz dabei ist: Was ist mein zugrundeliegendes Weltbild? Nach diesem – meist gar nicht hinterfragten – Grundgedanken, wie die Welt aufgebaut zu sein scheint, werden Handlungen vollzogen. Unser Denken führt zu Taten. Es geht hier nicht darum, diese Grundweltsicht jeweils hier als richtig oder falsch darzustellen, doch die eigene Weltsicht muss dem Handelnden bewusst sein. Erst an ihr als Maßstab, kann ich mein ethisches Handeln messen.

Ein Beispiel aus meinem eigenen Erleben: Bei der geomantischen Gestaltung eines Platzes geschah es, dass die Arbeit des Tages jeweils in der Nacht zerstört wurde. Mal waren es Tiere, die gesetzte Pflanzen ausgruben, mal der Wind, der etwas umriss, mal Kinder, die im Spiel zerstörten, mal Unfälle, die Tagwerk zunichte machten. Das führte natürlich zum Innehalten. Unweit des Platzes nahm ich ein mächtiges, sehr dunkel erscheinendes Wesen war. Seine einzige Absicht schien darin zu bestehen, die geomantische Gestaltung, die von mir als notwendig empfunden wurde, zu zerstören. Ich bannte sie, baute eine Schutzzone, doch dadurch war wiederum die Energetik des Platzes beeinträchtigt. Nach langem Ringen gab ich den Widerstand auf. Meine dualistische Betrachtung – hier die wohlmeinende geomantische Installation, dort die zerstörerische Wesenskraft - war aufgezehrt. Ich setzte mich zu dem dunklen Wesen und fragte nach: Was willst Du? Was brauchst Du? Doch als Antwort kam stets ein immenser Zerstörungsimpuls. Ich war verzweifelt. Dann plötzlich wurde es mir klar: Das Wesen, der „Schwarze Engel", war der Verfall, der Tod, die Zerstörung. Es hatte sein Anrecht in der Natur. Ohne Zerfall kein neues Leben. Diese Einsicht änderte alles! Ich ließ das Wesen sein Zerstörungswerk verrichten, ehrte es dafür und errichtete auf der Ruine eine völlig neue geomantische Gestaltung.

Unser Denken bestimmt unser Handeln.
Fragen für die kritische Betrachtung der eigenen rituellen Arbeit können sein:

  • Was ist mein zugrundeliegendes Weltbild?
  • Was ist die Basis meiner Intention?
  • Warum braucht es das Ritual und was soll es bewirken?
  • Bediene ich mich mit dem Ritual anderer Kräfte als der meinen?
  • Woher kommen diese?
  • Werden sie freiwillig gegeben?
  • Habe ich darum gebeten?
  • Was erhalten die, die die Kräfte geben, dafür?
  • Was ist ihre Motivation?
  • Will ich das geben, was sie fordern?
  • Gibt es etwas, dass durch das Wirken der Kräfte Schaden nimmt?
  • Wer war zu erst da?
  • Gibt es im Konfliktfall zwischen zwei Kräften/Wesen einen Weg des gemeinsamen Lebens und Wirkens?
  • Wo gibt es im Konfliktfall das geringere Leid, die schnellere Heilung?
  • Bin ich der/die Richtige für diese Arbeit?

Diese Fragen sind nicht immer leicht zu beantworten. Es gibt Situationen, die ohne ein Leidenselement leider nicht gelöst werden können. Manchmal muss man unangenehme Entscheidungen fällen. Doch auch in diesem Falle lohnt es, sich die Frage zu stellen, ob jemand anderes es vielleicht doch besser hinbekommen könnte.
Ethisches Handeln lässt sich nur sehr oberflächlich in feste Regeln pressen, denn Ethik verlangt stets die Beachtung der individuellen konkreten Situation. Maßgebliches Werkzeug ist, zu hinterfragen und die Bereitschaft, vom vorgenommenen Weg abzuweichen. Bleibt man hier gegenwärtig, geschieht es nicht selten, dass auch während eines laufenden Rituals die Richtung marginal aber entscheidend geändert wird.

Interessanterweise ist es meiner Erfahrung nach so, dass je mehr ein solches Hinterfragen, eine solche ethische Selbstprüfung, die eigene Arbeit bestimmt, umso mehr die uns umgebende Kräfte zu Außergewöhnlichem bereit sind – ohne Zwang und ganz aus freien Stücken.

 

 

Bild © alexkich/fotolia.com


Kommentare (1)

  1. Ana:
    01.05.2018 00:25

    Nun, da ich noch nie rituelle Arbeit so angegangen bin, hab ich auch so etwas in der Art auch noch nie erlebt. Wohl gibt es immer mal Herausforderungen. Ich wähle mittlerweile auch das Datum dafür in Übereinstimmung mit den Spirits. Nun ja, nicht ich wähle einen Ort, den ich heile, dies scheint mir von vorne herein eine vollkommen egoistische Sichtweise. Aber das zu erörtern, dafür reicht der Platz hier nicht. Viele Grüße Ana

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