Das Ganze ist mehr...


Sternenneber, der wie ein Auge aussieht„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile"

Dieser verkürzte Satz wird Aristoteles zugeschrieben. Genaugenommen schrieb er in „Metaphysik":
"Das, was aus Bestandteilen so zusammengesetzt ist, dass es ein einheitliches Ganzes bildet – nicht nach Art eines Haufens, sondern wie eine Silbe –, das ist offenbar mehr als bloß die Summe seiner Bestandteile. Eine Silbe ist nicht die Summe ihrer Laute: ba ist nicht dasselbe wie b plus a, und Fleisch ist nicht dasselbe wie Feuer plus Erde."

Heute findet dieser Gedanke in Systemtheorie und Kybernetik Anwendung - er nennt sich "Holismus" - und doch hat er sich noch nicht wirklich in unserem Denken verankert. Grundsätzlich ist eben gemeint, dass es zum Verständnis eines Systems nicht ausreicht, einfach die Teile zu addieren. Als um 1840 der Chemiker Justus von Liebig die wachstumsfördernde Wirkung von Stickstoff (N), Phosphaten (P) und Kalium (K) auf Pflanzen nachwies, dachte man, er hätte den Stein der Weisen gefunden – und ein stückweit war es wohl auch so, denn auf der NPK-Düngung beruht die moderne industrielle Landwirtschaft. Drei Teile (in diesem Fall Elemente) zusammensteckt und flux schießen die Pflanzen in die Höhe. Doch eben: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile! Inzwischen ist man sich bewusst geworden, dass diese drei Komponenten langfristig für eine gesunde Pflanze nicht ausreichen – und reichert den Kunstdünger darum mit immer mehr Chemikalien an. Die Böden versauern (wogegen man wiederum Kalk einsetzt), die Bodenstruktur wird geschädigt und das Bodenleben beeinträchtigt. So sind auf stark mit Kunstdünger behandelten Böden deutlich weniger Regenwürmer zu finden, als bei Böden, die mit organischen Düngern behandelt wurden.
Bis heute meint man, durch immer neue Zusatzstoffe das jeweils vorhergehende Problem beheben zu können. Doch das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile!

Auch der Mensch ist keine chemische Maschine. Ist man krank, so agiert die segmentielle Medizin so, als würde einfach ein Bauteil fehlen. Gibt man dies isoliert nach – als sogenanntes Isolat, so gibt es oft das nächste Problem. Vitamin E-Mangel durch – oft noch künstliches -- Vitamin E zu beheben, ignoriert, dass das Vitamin E im Körper meist mit Vitamin C Hand in Hand arbeitet. Aber selbst Multivitamin-Präparate haben ihr Ungleichgewicht. Da werfen die Hersteller „wertvolles" Vitamin A in die Tabletten, wo die Natur weniger problematisches Beta-Carotin anbietet, das der Körper in Vitamin A umwandeln muss. Im letzteren Fall produziert der Körper also genau das, was er benötigt, im ersten dagegen kommt es zum Überschuss. Das System Mensch als Ganzes ist eben mehr als die Summe seiner Teile!

Egal, wo wir hinsehen, wir denken segmentiell, isoliert. Auch Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Krieg, mehr als Diplomatie, mehr als gelebte Toleranz, mehr als Waffenkontrolle, ....
Frieden ist viel viel mehr als die Summe seiner Teile. Frieden ist etwas, das in der Tat das ganze System erfasst, spirituell, ökologisch, sozial, emotional,..... wir können eben nicht alle Teile aufzählen, weil wahrer Frieden viel viel mehr ist.

Aus dem segmentiellen in einen holistischen Ansatz zu kommen, ist ein langer Weg. Einfache Lösungen scheinen mir die Problematik nur auf andere zu projizieren: Würden nur keine Flüchtlinge mehr ins Land gelassen, wäre hier Frieden! Würde nur dieser oder jener Politiker abgesetzt, hätten wir bald Frieden! Würden nur die Sicherheitsgesetze verschärft, so hätten wir Frieden! ... usw. usf. Doch Frieden ist mehr als die Summe seiner Teile. Man mag bei den einzelnen Themen der Zusammensetzung diskutieren, wie man will (und das soll man auch ruhig!), wirklich Frieden wird dadurch nicht geschaffen.

In der holistischen Betrachtung, müssen wir stets eine Ebene höher gehen, um einen Überblick über ein System zu erhalten. Ja, die Einzelteile sind wichtig. Holismus darf nicht missverstanden werden im Sinne von „Du bist nichts, Dein Volk ist alles!" Das hatten wir schon. Das Ganze ist nicht mehr wert als die Summe seiner Teile, es stellt eine höhere Organisationsebene dar. Natürlich muss es dem Einzelnen in seinen Belangen gut gehen, damit es auch der Summe gut gehen kann. Bezogen auf den Frieden unter den Menschen und mit der Erde heißt es: Wir müssen dafür Sorge tragen, dass es allen Menschen, ja allen Wesen gut geht; nicht nur einzeln, sondern vor allem auch miteinander. Erst dann erreichen wir auf einer übergeordneten Ebene etwas, das dem Frieden nahekommt. Und hier – so absurd dies sein mag – kehren wir wieder zum Einzelnen zurück. Jede/r Einzelne muss in einem System daran mitwirken (wollen), dass es möglichst vielen in seinem/ihrem Umfeld (mit ihm/ihr) gutgeht. Die Kraft dieses Herzenswunsches kann in der Tat Felder kreieren, die holistisch sind und das ganze System erfassen. Dadurch umgeht man die Gefahr, nichtlineare Wechselwirkungen und Rückkopplungen zu übersehen. In diese Falle tappt der Reduktionismus in regelmäßigen Abständen immer wieder. Die schier unendliche Möglichkeit der Wechselwirkungen einzelner Teile bringt der Reduktionismus beständig an die Grenzen seiner Berechenbarkeit. Überprüfen Sie einmal wieviele Wirtschafts- oder Klimaprognosen tatsächlich so auch eingetroffen sind.

Mit der Ganzheit entsteht etwas Neues durch die Integration der Teile auf einem höheren Niveau. Interessanterweise besitzen wir bereits funktionierende holistische Systeme: In der schamanischen Weltsicht ist der Mensch Bestandteil des Kosmos und steht in immerwährender Wechselwirkung mit all seinen Mitgeschöpfen. Auch in den geomantischen Lehren z.B. Marko Pogacniks ist diese Wechselwirkung erkannt und in der Praxis umgesetzt. Alles ist ein Kontinuum, der Dualismus dagegen, das Denken in Gut und Böse, entspringt dem Reduktionismus. Im Holismus dagegen sind die Einzelteile ebenso wichtig, wie auch die Beziehung und der Prozess, in dem diese zu einander stehen. Darum ist die Natur lebendig. Sie ist mehr als die Summe ihrer Teile!

 

 

Bild: Infrarot-Aufnahme eines Sternennebels, NASA (gemeinfrei)


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