Die Frau und die Schlange


Frau mit SchlangeIch möchte hier schlicht einmal zwei Mythen gegenüberstellen:

„Eine junge Frau ging einmal in den Wald. Da begegnete ihr eine Schlange. „Komm!" sagte die Schlange. Aber die junge Frau zierte sich: „Wer will dich zum Manne haben? Du bist eine Schlange. Ich will dich nicht haben." Da entgegnete die Schlange: „Mein Leib ist zwar der einer Schlange, aber meine Sprache ist die eines Menschen. Komm!" Da ging die junge Frau mit, heiratete den Schlangenmann und gebar ihm ein Mädchen und einen Jungen. Danach schickte die Schlange sie mit den Worten fort: „Geh! Ich werde für die Kinder sorgen und ihnen zu essen geben".
Die Schlange ernährte die Kinder und die zwei wurden groß. Eines Tages sprach die Schlange: „Geht Fische fangen!" Sie taten es. Da sagte die Schlange: „Kocht die Fische!" Die Geschwister aber erwiderten: „Die Sonne ist noch nicht aufgegangen". Sie warteten bis Sonnenaufgang und dass die Sonne die Fische mit ihren Strahlen wärmte. Dann aßen sie die Fische roh und blutig.
Die Schlange sagte: „Ihr seid zwei Teufel! Ihr esst eure Nahrung roh. Vielleicht werdet ihr mich essen. Du, Knabe geh in meinen Bauch!" Der Knabe fürchtete sich und fragte: „Was soll ich machen?" Aber der Schlangenmann sagte zu ihm: „Komm!" Und da ging der Knabe in den Bauch der Schlange. Da sagte die Schlange: „Nimm das Feuer und bring es zu deiner Schwester hinaus! Komm heraus, sammle Kokosnuss, Yams, Taro und Banane!" Da ging der Knabe wieder aus dem Bauch und brachte das Feuer mit und sie kochten ihr Essen.

Dieser Mythos stammt von den Admiralitätsinseln vor der Nordküste Neuguineas.
Ein anderer – uns bekannter – Mythos liest sich so:

Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. Und sie hörten Gott den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des Herrn zwischen den Bäumen im Garten. Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß. Da sprach Gott der Herr zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß (...).
Da wies ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.

Obwohl beide Mythen vollkommen verschiedenen Kulturen, Erdregionen und Zeiten entspringen, gleichen sie sich doch verblüffend. Legen wir alle Wertungen beiseite, so ist es sie Verbindung von Frau und Schlange, die den Menschen Bewusstsein bringt. In beiden Fällen ist dies mit Ernährungsver- bzw geboten verbunden. Im einen bringt die Schlange die Erkenntnis, im anderen das Feuer. In beiden wird der Mensch erst durch die mit der Schlange verbundenen Handlung zum eigentlichen Menschen.
Auch in China gibt es einen vergleichbaren Mythos, die „Legende der weißen Schlange". Hier ist es eine weiße Schlange, die sich durch tausend Jahre Übung in den Körper einer Frau verwandelt. Sie nennt sich Suzhen. Sie heiratet einen Heiler.... Im chinesischen Urmythos von Nü-Kua und Fuxi dagegen begegnet uns das Urpaar mit Schlangenschwänzen.

Erinnyen: Frauen mit Schlangen und FlügelnIm Palast von Knossos auf Kreta wurden Frauenstatuetten mit offenem Mieder und Schlangen in beiden Händen gefunden, bei den Kanaanäern wurde die Muttergöttin Ashera verehrt. Auch sie wurde mit Schlangen dargestellt. Sie bildet die Brücke zur Muttergottes Maria, die auf der Schlange thront. So ist auch Eva die Mutter, denn ihr Name leitet sich von „hawwa" ab, der „Mutter allen Lebens". Hawwa war auch das semitische Wort für Schlange. So sind die Mutter und die Schlange eins. Im griechischen Mythos vereint sich Gaia mit Uranos (dem Himmel). Sie gebiert u.a. die Erinnyen, die Schlangen auf dem Kopf tragen und später gebiert Gaia Typhon, eine riesige Schlange. Die Gebieterin der Erinnyen ist Hekate, die nach Hesiod über Himmel, Erde und Unterwelt – also die drei Welten (obere, mittlere und untere Welt) – herrscht. Auch sie wird in Schlangengestalt dargestellt.
Im Sabazioskult (einer dem Dionysoskult nahestehenden Version) ließen sich Frauen eine Schlange über ihre Vulva ziehen. Die Schlange galt hier als die schöpferische Naturkraft selbst. Von Alexander dem Großen herrschte schon zu seinen Lebzeiten der Mythos, er sei das Kind einer menschlichen Mutter und eines Schlangenvaters.

Die Schlange ist rund um den Erdball die große Bewusstseinsbringerin. Als Gesandte der Großen Göttin oder als Göttin selbst trägt sie zur Menschwerdung bei. Als Partnerin dient ihr dabei die Frau, die Urmutter. Diese empfängt die Lebenskraft der Schlange, der Herrin über die drei Welten...

 

Bild Frau & Schlange © konradbak/Adobestock
Bild Erinnyen: gemeinfrei. Abzeichnung einer Vase (Wikipedia; bearbeitet)


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