Das Feuerwerk


Feuerdrache vor FeuerwerkWas hat es mit dem Brauch auf sich, zu Silvester ein Feuerwerk abzubrennen? Die Faszination ist unbestritten, doch worin liegt die Motivation?

Die Wurzel unseres heutigen Feuerwerks liegen im alten China. Die Grundstoffe für das spätere Feuerwerk - Salpeter (Siao si), Holzkohle (Mu tan) und Schwefel (Lin huang), heute kurz Schwarzpulver (Huo-pau ) genannt – kam in China bereits im 8. Jahrhundert zum ersten Einsatz. Es spricht für die Feingeistigkeit der alten Chinesen, dass das Schwarzpulver zunächst als symbolisches Feuerwerk zum Einsatz kam – lange bevor es kriegerischen Zwecken diente. 1103 wurden sogenannte Feuerpfeile in den Himmel geschossen. Sie bestanden aus einem Feuerwerkskörper, der an einem Pfeilschaft befestigt wurde, sodass der jeweilige Pfeil nicht mittels Bogen, sondern durch den Rückstoß des Feuerwerkskörpers verschossen werden konnte: Die Rakete war geboren. Die Feuerpfeile symbolisierten die Wandlungsphase („Element") Feuer, dem eine starke transformative Kraft zugesprochen wird. Das Abfeuern der Feuerpfeile hatte demnach zunächst rituelle Gründe. Man wollte die Kraft der Erneuerung befreien.

Nach Europa gelangte das Feuerwerk erst einige Jahrhunderte später. 1379 wurde anlässlich des Pfingstfestes ein heiliges Ritual durchgeführt, bei dem eine funkensprühende Taube – Symbol des Heiligen Geistes – geführt von einem Seil über die Ritualteilnehmer hinwegflog. Hier stand das Feuerwerk also ebenfalls für die Kraft der Erneuerung, des Heiligen Geistes - der Geisteskraft, die über die Menschen kommt.

Seine vorläufige Blütezeit hatte das Feuerwerk im Barock. Am Nachthimmel wurde ein theatralisches, ja kathartisches Schauspiel entflammt: Drachen gleiteten von unsichtbaren Schnüren geführt auf das Schloss der Adligen zu und lösten dort feurige Kettenreaktionen aus, die für die Verteidigung standen und so den Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen symbolisierten. Obgleich hier das Feuerwerk bereits einen starken Unterhaltungsteil besaß, waren die Inhalte immer noch mythologischer Natur. Ludwig XV. ließ in einem mächtigen Spektakel 20.000 Raketen, 6.000 Feuertöpfe und pyrotechnische Vulkane und 80 „Sonnen" entzünden, von denen jede 30 Meter Durchmesser hatte!

Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Feuerwerk der normalen Bevölkerung zugänglich. Der Brauch zum Jahreswechsel einen Funkenregen an den Himmel zu zaubern, stammt sogar erst aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Die Gründe hierfür waren in ihren Wurzeln ebenfalls ritueller Natur: Bereits die Germanen vertrieben böse Geister mit Lärm: Rasseln, Peitschen und Gebrüll. Im Mittelalter kamen Pauken und Trompeten hinzu, um das neue Jahr vor den Zugriffen des Teufels - der ja in den Raunächten besonders arg sein Unwesen trieb - zu beschützen. Mit dem Abbrennen des Feuerwerks an Silvester verbanden sich also der rituelle Lärm zur Geistervertreibung mit der erneuernden Kraft des Feuers am Himmel.

Doch die rituellen Wurzeln sind längst vergessen. Heute lassen sich die Deutschen das Spektakel am Nachthimmel ca. 130-140 Millionen Euro kosten. 10.000 Tonnen Feuerwerkskörper werden in die Luft gejagt und verbreiten Nitrate, Chlorate und Perchlorate der Elemente Natrium, Kalium, Strontium oder Barium, zudem Blei, Arsen, Aluminium, PVC, Schwefel, Eisen-, Kupfer-, Titan-, Antimon- und Zinkverbindungen in der Landschaft, so dass die Grenzwerte oft viele Tage lang gerade in Ballungsgebieten überschritten werden.

Was als Erneuerungsritual begann, wurde zu einem weiteren ökologischen Sargnagel. Ohne Verständnis des zugrundeliegenden Rituals wird die Unterhaltung zur Kapelle, die auf der Titanic Tanzmusik zum Untergang bläst...

 

 

Bild © Stefan Brönnle (Vorlagen Thinkstock und mountain beetle/Shutterstock)


Kommentare (1)

  1. Heike Zeisberger -Bauer :
    01.01.2019 16:01

    Hm... bedauerlicherweise empfinde ich es genauso. Ein "sinnentleertes" Spektakel.Sylvester ist besonders laut und "dreckig" .Es wäre wünschenswert wenn Menschen wieder etwas langsamer würden und stiller , "pflanzenähnlicher"..... vielleicht würde manchen wieder ein Licht aufgehen und sie bräuchten dieses Extrem nicht.
    Ein dickes herzliches Dankeschön an euch, Sybille und Stephan, für euren interessanten und vielseitigen Blog. Für euer Wissen und eure Zeit dies mit mir und vielen zuteilen ( wollte ich doch mal schreiben...) Danke !!! Und ein wundervolles Jahr euch und allen andern.....

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