Der Himmels- und der Erdenfluss


MilchstraßeHimmel und Erde entsprechen sich, „wie oben, so unten", „wie im Himmel, so auf Erden". Viele heilige Orte und Landschaften sind Spiegelungen des Himmels. Am offensichtlichsten trifft dies wohl auf die Milchstraße zu, die fester Bestandteil der Mythen nahezu jeden Volkes ist.

Die antiken Griechen dachten sich die Milchstraße als die ursprüngliche Sonnenstraße, die durch das beständige Befahren des Helios in seinem Sonnenwagen so zu glühen begonnen hatte, dass dieser sich eine neue Bahn suchen musste. In anderen Mythen war die Milchstraße die Via triumphalis, die Prachtstraße der Götter. Beim indianischen Stamm der Semiolen ist die Milchstraße „so-lo-pi he-ni" - „der Geisterweg, auf dem die Seelen der verstorbenen, guten Menschen zur Stadt des Westens gelangten". Eine sehr ähnliche Vorstellung hatten die Wikinger. Wir kommen auf diese Verbindung der Milchstraße mit den Seelen der Ahnen noch zurück.

Am häufigsten aber tritt uns aber die Milchstraße als der Himmelsfluss in den Mythen der Völker entgegen, ein Himmelsfluss, der sich bis auf die Erde ergießt und hier mittel- oder unmittelbar das Lebenswasser erzeugt. Bei Dante wird die Milchstraße so zu einem Fluss, „der in breiten Ufern durch die Sternblumen des Firmaments dahinfließt".
Für die Hochlandkultur der Inkas, war die Milchstraße der heilige Fluss Willka Mayu. Er sorgte für die Fruchtbarkeit der Erde. Die irdische Entsprechung des Willka Mayu war der Hatun Mayu, der heute Vilcanota und Urubamba genannt wird. Himmelsfluss und Erdenfluss waren eins. In der Milchstraße sind dunklere Stellen erkennbar, die die Inkas – ähnlich den Sternbildern – mit mythologischen Namen versahen: Das Lama im Himmelsfluss war ein Symbol der Fruchtbarkeit und war verantwortlich für den Wasserzyklus auf Erden. Im Mythos kommt das Lama aus dem heiligen Fluss des Himmels stets zwischen Mai und Oktober auf die Erde, um von den Wassern der Seen, Flüsse und des Meeres zu trinken.
Das „Milchstraßen-Bild" des Frosches war mit der Regenzeit verbunden. Durch Beobachtung von Kröten wird bis heute am Titicacasee die Menge des Wassers vorhergesagt, das die Regenzeit bringen wird. Frosch und Kröte sind auch hier Symbole der Fruchtbarkeit. Schließlich gibt es in der Inka-Mythologie die Schlange im heiligen Fluss Willka Mayu. Sie ist einerseits mit Mutter Erde – Pachamama - selbst assoziiert. Die Erdenschlange am Himmel, der Himmelsfluss auf Erden. Beide entsprechen sich. Auch die Schlange wird erst im Oktober in der Milchstraße sichtbar, wenn die ersten Regen beginnen.

Diese Mythologie hat entsprechende Variationen im Amazonasgebiet. Die Yagua erkennen im Amazonas die Himmelsschlange wieder. Die Yacumama ist ein göttliches Wesen – fünzig Schritte lang – und die Mutter allen Lebens im Wasser. Yacumama bedeutet „Mutter des Flusses". Sie ist die Bewusstseins- und Himmelsschlange, ebenso wie der Amazonas selbst. Auch die Anakonda ist sowohl die Himmelsschlange der Milchstraße, als auch der Große Strom Amazonas.

Mutter Ganges steigt vom Himmel (Steinrelief)Mutter Ganges – ma ganga – nennen die Inder den heiligen Fluss. Mutter Ganges war an den Himmel gebunden. Am Himmel floss der Ganges. Doch König Sagara suchte nach einer Erlösung für seine toten Söhne. So brachte Bhagiratha Ganga an die Stelle, wo seine toten Vorfahren lagen, und ihr heiliges Wasser erlöste sie. Die Kraft des Himmelsstromes der Milchstraße drohte jedoch auf Erden alles hinwegzureißen. Deshalb bot Shiva sein Haupt dar und dämpfte den Aufprall, so dass der Ganges entlang seiner Haarstränen zur Erde strömte. Der Ganges ist Lebens- und Totenfluss in einem. Mutter Ganges ist Lebensbringerin und Seelenerlöserin der Toten, Himmels- und Erdenfluss.

Ritt auf der HimmelsschlangeIn Ägypten wurde der Nil als die Entsprechung der Milchstraße gesehen. Umgekehrt bekommt die Große Erdschlange Flügel und fliegt zum Himmel, auf ihrem Rücken der verstorbene Pharao. Nil und Milchstraße sind eins.

 

 

Entsprechung von Milchstraße und Nil

Bei den Yolngu-People in Nordaustralien trägt das mythische Kanu Larrpan die Seelen der Verstorbenen zur Geisterinsel Balku im Himmel. Die Lagerfeuer der Ahnen sieht man entlang des großen Himmelsflusses, der Milchstraße. Als Sternschnuppe fällt das Kanu dann zur Erde zurück, um neue Seelen an den großen Fluss zu tragen.

So ist die physische Geografie mit dem astralen Himmelsraum verbunden. Himmel und Erde sind eins.

 

 

 

 

Bilder:
Titelbild Milchstraße © digistore24/freshfotos
Mutter Ganges © wikipedia
Ägypten Himmelsschlange gemeinfrei
Ägypten Pyramiden © Stefan Brönnle


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