Von Landschafts- und Stadtgöttinnen


Stadtgöttin über AugsburgEs gehört zur alten mythischen Vorstellung, dass das Land Bewusstsein besitzt, eine Geisteskraft, die meist als Landschaftsgöttin hohe Verehrung genoss. Oft werden diese in christlicher Zeit zu Heiligen, die über Stadt und Land wachen. Die heilig gesprochene Kaiserin Kunigunde soll so einstmals Bamberg mit einem schützenden Faden umsponnen haben. Deutlich verschmelzen hier die Vorstellungen einer Landschaftsgöttin (später Stadtgöttin) mit historischen Persönlichkeiten und christlichen Heiligenmythen. Auch die heilige Odila steht auf dem Turm des Klosters St. Odile im Elsaß und segnet von dort aus das Land als Landschaftsgöttin.

Mancherorts tritt die Ortskraft, die Landschaftsgöttin, bis heute deutlich zu Tage und findet sich in zahlreichen Mythen und mythologischen Abbildungen wieder. Eine solche Landschaftsgöttin ist die Göttin Cisa, die über die Stadt Augsburg wachen soll. Uneinig ist man sich, welchem Volk die Göttin Cisa entsprungen sein soll. Tacitus erwähnte bereits eine beim keltischen Stamm der Vindeliker verehrte „Isis". Jakob Grimm sah darin eine Entsprechung zu den Ortsmythen Augsburgs und übersetzt den Namen „Cisara" für Augsburg als „Cisae ara", als „Cisas Altar". Die aus dem 12. Jahrhundert stammende Handschrift "Excerptum es Gallica Historica" vermutet dagegen Cisa als eine Landschaftsgöttin der suebischen (germanischen) Stämme.

Ob nun keltisch oder germanisch lassen wir einmal offen. Der Höhenrücken auf dem die Römer später die Stadt Augusta Vindelicum (oder Vindelicorum) errichteten, wurde noch 1390 „Zisenberc" genannt. Christian August Vulpius sieht Cisa im 1826 herausgegebenen mythologischen Handbuch als eine „Art Ceres bei den Vindeliciern". Der Name der Cisa lässt sich zum einen aus dem indogermanischen ableiten und bedeutet hier schlicht „Göttin" (bzw. Gott). Der Wortstamm findet sich zum einen im germanischen Ziu, aber auch in griechischen Zeu-s oder dem römischen Ju-piter wieder. Aber auch zu den Disen der nordischen Mythologie lässt sich mit Cisa eine Brücke schlagen. Die Disen waren Vegetationsgöttinnen und Geburtshelferinnen, die mythologisch den Nornen ebenso nahestanden wie den Fylgien und Walküren. Cisa war also schlicht DIE Landschafts- und Fruchtbarkeitsgöttin des Raumes um Augsburg.

Bronzerelief Gründung der Stadt augsburgAuf zwei Bronzereliefs am Herkulesbrunnen erkennen wir, wie die Landschaftsgöttin zur Stadtgöttin wird: Das eine Relief zeigt das typisch etruskisch-römische Rinderritual (1): Zwei Rinder (in der Regel ein schwarzes und ein weißes) ziehen mit einem Pflug eine Furche. Durch diese wird rituell die Grenze der zu gründenden Stadt aus dem Metaphysischen ins Physische geholt und in die Erde gegraben. Im Hintergrund wird als Umbilicus, als heilige Mitte der Stadt, eine Standarte als Weltenachse errichtet (2).

 

 

 

 

 


Bronzerelief Cisa zieht in die Stadt einIm zweiten Bronzerelief am Brunnen zieht die Landschaftsgöttin Cisa in Augusta Vindelicum (Augsburg) ein. Sie ist mit einer Krone aus Mauerzinnen geschmückt, die sie ähnlich der Erdgöttin Kybele als den Genius der Stadt ausweisen. Die Landschaftskraft hält Einzug als Stadtgenius. In der Hand hält Cisa den Pyr, die „Zirbelnuss", den Pinienzapfen, der bei den Römern als Symbol der Fruchtbarkeit und Lebenskraft galt und fortan auch das Stadtwappen Augsburg ziert. Wie erkennen wie die Göttin Cisa hier rituell in die Stadt geholt wird. Wie bei Kunigunde in Bamberg mit dem Faden wurde die Stadt zuvor durch das Rinderritual magisch umhegt und so ein Sanktuar, ein heiliger Raum, für die Landschaftskraft geschaffen.

 

 

 

 

 


Cisa am PerlachturmSo ziert bis heute den Turm der Peterskirche, der „Perlachturm" genannt wird und das Zentrum der Stadt bezeichnet, nicht etwa ein christliches Kreuz, sondern ein Abbild der Stadt- und Landschaftsgöttin Cisa. Die heidnische Göttin erhebt sich über der christlichen Kirche!

 

 

 

 

 

 

 

 

Bilder © Stefan Brönnle
Titelbild © Stefan Brönnle (Vorlage Stadt Augsburg: fotolia.com)


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