Ort und Spirit


Japanischer Kamischrein (Tori) auf Felsen im Meer

Dass die Erde Orte aufweist, die von den Menschen einer Kultur, ja manchmal auch über viele tausende von Jahren und verschiedene Kulturen hinweg, als heilig und damit besonders angesehen werden, ist unzweifelhaft: Im Christentum sind Wallfahrtsstätten – Lourdes, Altötting und Jerusalem seien nur drei genannte – heilig, weil „sich dort Gott mehr als an einem anderen Ort offenbart". Das Judentum kennt den Tempel von Jerusalem, zu dem laut Tora männliche Juden dreimal im Jahr pilgern sollen, der Islam kennt als zentrales Heiligtum die Kaaba von Mekka und für die Hindus fokussiert sich die Heiligkeit u.a. im Ganges; Naturreligionen kennen unzählige heilige Orte, an denen die Spirits wohnen.
Doch warum ist dies so? Lassen wir Wasseradern, Leylines und andere kausal-physikalische Begründungen beiseite, bleibt doch stets die Frage: Warum braucht nichtstofflicher Geist einen Ort, an dem er präsent ist? Drei Thesen:

1. Die Spirits brauchen einen Ort zum „wohnen"

Obgleich umgangssprachlich meist davon gesprochen wird, dass an einem Ort die „Elfen wohnen", oder „Gott dem brennenden Dornbusch innewohnt", ist es für mich schwer zu erfassen, warum ein physisch nicht inkarniertes Wesen, das Geist ist, einen Ort zum Wohnen braucht. Im Schintoismus werden die Ortsgeister – die Kamis – an Wasserfällen, Felsen und in Seen verehrt. In der schintoistischen Auffassung „wohnt" aber der Geist nicht im See, vielmehr ist der See der physische Körper des Kamis. Der Geist ist also gleichsam auch in Materie inkarniert, nur eben nicht in einem biologischen Körper, sondern der Landschaft. In einer strengen Weiterführung des Gedankens sind dann aber Geistwesen letztlich ausschließlich an „Ihrem" Ort erfahrbar und präsent. Aus eigener Erfahrung würde ich dies verneinen, wobei es durchaus möglich ist, dass es sich bei verschiedenen Kategorien der Spirits unterschiedlich verhält.

 

2. Der Ort als Fokus

Geist an sich ist nicht verortet. Wenn dieser aber im dreidimensionalen Raum kommunizieren und interagieren will, so muss er in diesem quasi einen „Eintrittskanal" haben. Solche dauerhaften „Andockpunkte" können heilige Orte sein. Es bildet sich sozusagen ein Fokus, ein Aufmerksamkeitsbrennpunkt, über den der Spirit sich sozusagen am Ort in unserer Wirklichkeit „festhält". Geist kann also in dieser Vorstellung durchaus überall sein, kann aber bevorzugte Kanäle nutzen, die in der dreidimensionalen Wirklichkeit Orte sind. Bei der Wahl eines anderen Bewusstseinsfokusses als Kanal, wechselt aus der dreidimensionalen Sicht der Ort. Der Spirit wohnt also nicht am oder im Ort, dieser bietet ihm und seiner Art zu sein nur die beste Möglichkeit des Ausdrucks. Heilige Orte wären also Resonanzphänomene des Geistes.

 

3. Orte als Resonanzstruktur des Bewusstseins

These 2 erklärt besondere Orte aus der Perspektive der Spirits heraus, die dritte These nun dreht in gewisser Weise den Spieß um: Wenn wir träumen, dann ist jedes Traumumfeld, jeder „Traumort" mit einem bestimmten Bewusstseinszustand verbunden, ändert sich dieser im Traum, ändert sich schlagartig auch das Traumumfeld. Der „Ort" ist also auch hier ein Resonanzphänomen des Geistes. Umgekehrt wird das Erleben einer Reise zu einer Bewusstseinsveränderung: Der Weg ist das Ziel. Die Reise des Propheten Elija zum Berg Sinai wird in der Bibel eindeutig als eine persönliche Erfahrungs- und damit Bewusstseinsänderung beschrieben. Im Daoismus wird „Der Weg" („Dao" heißt „der Weg") zu einem Synonym für das Numinose schlechthin. Die Wallfahrt ist damit nicht einfach ein Ortswechsel, um am heiligen Ort präsent zu sein, sie ist inhärenter Bestandteil der Bewusstseinsänderung und so gibt es Wallfahrten und Pilgerreisen in jeder spirituellen Tradition.

Hier nun ist also der Ort sozusagen ein bestimmter Bewusstseinszustand, mit dem der Mensch resonant wird, wenn er sich an ihm aufhält. Der Besuch des Ortes selbst verändert die Wirklichkeit des Menschen, wodurch jetzt eine Kommunikation mit dem Spirit seitens des Menschen möglich wird. In dieser Weltsicht ist es weniger das Geistwesen, das an einem Ort „wohnt", der Ort repräsentiert vielmehr einen Geisteszustand des Menschen, indem eine Geisteskommunikation möglich ist.

Wenn wir diese These – Orte sind Bewusstseinszustände des Menschen – zu Ende denken, so ist jede Ortsveränderung eine Bewusstseinsveränderung. In der Tat ist dies m.E. so. Eine kleine Veränderung der Ortslage z.B. in einer Meditation verändert auch das Bewusstsein (leicht). Viele schamanische Techniken, bei denen eine Wirklichkeitsgrenze radikal durchbrochen wird, gehen mit heftigen Bewegungen und damit Mikro-Ortsveränderungen einher. Gestalterische Ortsveränderungen wie in Geomantie und Feng Shui sind damit letztlich Bewusstseinsänderungen. Der Weg zu einem Ort, an dem die „Spirits wohnen" lässt im Menschen eine andere Wirklichkeit aufsteigen, so dass nun Mensch und Geistwesen aus einer anderen Wirklichkeit heraus in Kommunikation treten können.

Das „Bewusstseinsfeld Ort" ist gerade aus einer sakralgeografischen Sicht heraus ein äußerst spannendes Thema, denn geometrische oder bildmythologische Beziehungen der Orte untereinander zeigen damit eine grundlegende Struktur von Geist und Bewusstseins an sich auf. Orte sind damit Resonanzstrukturen des kosmischen Bewusstseinsfeldes zwischen denen sich der Mensch bewegt.

 

 

Bild Kamischrein in Japan © fotolia

 


Kommentare (0)


Kommentieren

Dieser Thread wurde geschlossen.