Ekstase – Unser natürlicher Zustand


Schamane tanzt am FeuerHaben Sie schon einmal erlebt, wie ein Kind völlig in die Betrachtung eines Blattes, das in einer Pfütze schwimmt, versunken ist; so sehr, dass es auf Zurufe nicht mehr reagiert? Erinnern Sie sich gar noch selbst an den Zustand des Versunkenseins in das kindliche Spiel, völlig in der angenommenen spielerischen Rolle aufgehend, die Zeit völlig vergessend? Hier erleben wir einen Zustand, in dem der Mensch mit der Natur, mit den Freunden und ja, mit einem numinosem Etwas eine Einheit erlebt. Ein solcher Zustand wird Ekstase genannt.

Ekstase, das Wort kommt aus dem Griechischen ἔκστασις ékstasis „das Außersichgeraten". Es ist eine Sammelbezeichnung für intensive Bewusstseinserfahrungen, die in enger Beziehung zur Trance stehen. Das Bewusstsein wird in der nachträglichen Beschreibung des Erlebnisses als „erweitert" oder „erhöht" beschrieben. Schamanen erreichen Ekstase durch den Einsatz von Trommeln und Rasseln, Tanz, sowie die Einnahme psychoaktiver Substanzen. In der Meditation wird der ekstatische Zustand des Samadhi (wörtlich „Versenkung") dagegen u.a. durch Stille erreicht. Die Eigenschaft, in diesem ekstatischen Zustand vom physischen Außen nicht oder nur schwer ansprechbar zu sein, führte dazu, dass die Ekstase gerade von Außenstehenden oft als verminderter Bewusstseinszustand und ein „Nicht-bei-sich-sein" beschrieben wurde, obgleich es sich grundsätzlich eher um das Gegenteil handelt: Ein völliges Beisichsein bei zeitgleicher Einheit mit einem nichtphysischen Umfeld. Der Religionswissenschaftler Mircea Eliade spricht von einem „existenziellen Bewusstwerden".

Die Mystikerin Teresa von Avila beschreibt ihr Ekstaseerlebnis folgendermaßen: „Es ist eine so zärtliche Liebkosung, die sich hier zwischen der Seele und Gott ereignet, dass ich ihn in seiner Güte bitte, es den verkosten zu lassen, der denkt, ich würde lügen". Ihr Erlebnis kommt einer erotischen Beziehung zu Geist und Kosmos gleich.

Solche Ekstaseerlebnisse – egal nun ob als schamanische Trance-Ekstase oder als yogisches Samadhi – sind so beglückend (im Christentum wird von der Ekstase meist als „Verzückung" gesprochen!), dass sie bewusst durch eben bestimmte Atemtechniken, Bewegungen, Stille, Kontemplation, Trommelrhythmen etc. angestrebt werden. Ekstase ist essenzieller Bestandteil der Spiritualität.

Gehirnphysiologisch steht die Ekstase der Trance nahe, bzw. geht von dieser sogar aus. Die Trance ist durch das Vorherrschen sogenannter Theta-Gehirnwellen (ca. 3-7 Hz) gekennzeichnet. Roger Walsh war darum bemüht, die Gehirnwellenrhythmen von Schamanen während der Ekstase aufzuzeichnen, seine Messungen scheiterten aber an den heftigen Bewegungen, die mit der Ekstase einhergingen, wodurch der Enzephalograph keine validen (beweisgültigen) Werte übermitteln konnte. Im Samadhizustand aber, der durch Stille erreicht wird, konnten Messungen vorgenommen werden. Charakteristisch für das Erreichen der Ekstase, dem Samadhi, ist der sogenannte Rebound-Effekt: Einer Übernahme der Theta-Gehirnwellen und der weitestgehenden Verdrängung anderer Gehirnwellenrhythmen wie z.B. Beta. Im Vorherrschen der Thetawellen wird die lineare Zeiterfahrung fast vollständig unterdrückt und es kommt zu einem Gefühl der Verbindung mit der Ewigkeit.

Dies ist aber der Zustand den Kinder erleben, wenn sie sich völlig dem Spiel mit Gleichgesinnten oder der Betrachtung der Natur hingeben (sicherlich in verschiedensten Intensitäten). Kinder bis zu einem Alter von etwa 4 Jahren erzeugen nahezu keine Beta-Wellen; Theta-Wellen beherrschen das Gehirn. So gesehen, befinden sich Kinder im Zustand der Ekstase. Sie sind ganz bei sich und zugleich mit Freunden innig verbunden. Was in den Religionen angestrebt wird, ist unser natürlicher Zustand!

Erst mit dem Älterwerden „lernt" das Kind, dass es im zufriedenen Zustand weniger Aufmerksamkeit durch die Erwachsenen erhält. Um ein zufriedenes Kind, muss ich mich nicht kümmern. Diese andauernde Erfahrung in Verbindung mit unserem extrem auf das lineare Denken getrimmten Schul-, ja Gesellschaftssystem, das die Beta-Gehirnwellen pusht, führt Kinder mehr und mehr aus dem ekstatischen Zustand heraus. Osho sagte dazu in „Mein Weg: Der Weg der weißen Wolke": „Die Gesellschaft hat da große Dinge vollbracht. Die Erziehung, die Kultur, die Eltern und Lehrer haben gute Arbeit geleistet. Sie haben aus ekstatischen, kreativen Menschen unglückliche Kreaturen gemacht. Jedes Kind wird ekstatisch geboren. Jedes Kind ist von Geburt aus ein Gott, und jeder Mensch stirbt als Verrückter."

Dies geht soweit, dass Psychologen vor dem Zustand der Ekstase als gefährlich warnen. Eine Angst, die in der Bevölkerung bereits tief sitzt. Spirituelle Techniken – egal ob nun induzierte schamanische Trancen, christliche Kontemplation oder fernöstliche Meditationstechniken – streben jedoch nach der Wiedererlangung der Ekstase. Von der westlichen Konsumkultur und ihrer linearen Wissenschaft abgelehnt und von den Religionen angestrebt, steht der Mensch zerrissen zwischen spiritueller Sehnsucht und gesellschaftlicher Anpassung. Dabei ist die Ekstase eigentlich nur eins: Unser natürlicher göttlicher Zustand.

 

Die schamanische Reise – Der Tanz des Lebens

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