Magische Berufe – Der Bäcker


Brote. Dahinter Hände, von denen Mehl fliegtBerufe sind nicht einfach Jobs. Sie enthalten den „Ruf" - im Mittelalter „vocatio" genannt" - die Evokation. Das Berufensein ist ein magischer Akt, ein Ruf der Götter und so sind viele unserer alten Berufe mit der Magie verbunden....

Der Bäcker ist eng mit der Symbolik des Brotes verbunden. Um die Magie des Backens zu verstehen, müssen wir um die Magie des Brotes wissen: Das Wort „Brot" stammt ab vom germanischen „brauda" und hängt hier schon eng mit dem Brauen zusammen. Auch im „brodeln" finden wir es wieder. Das Brot ist also durch einen Gärungs- und Transformationsprozess gekennzeichnet. Zeitgleich bedeutet „brodeln" auch „sprudeln" oder „wallen". Brot ist lebendig! Der ältere Begriff für das Brot ist allerdings der „Laib" (germanisch hlaiba). Auch dieses Wort hängt nicht von ungefähr mit dem „Leib" zusammen. Jesus bricht das Brot (den Laib) und spricht: „Dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird". Das Brot ist also ein durch einen Transformationsprozess hervorgegangenes lebendiges Wesen und hierin gleicht es sozusagen dem Menschen.

So war es verpönt, den Brotlaib „auf den Rücken" zu legen. Er musste sofort umgedreht werden. Nach altem Eifeler Volksglauben weint dann die Jungfrau Maria und die armen Seelen trauern. Es entsprach sonst dem „Tod des Brotes", was dem Tod eines Menschen gleichkam. In unserer Kultur ist das gemahlene und transformierte Getreide des Brotes sozusagen DAS Grundnahrungsmittes. Brot ist Leben! Im antiken Rom wurde zur Brautsegnung Brot über dem Kopf der Braut zerbröckelt, um die innewohnende Fruchtbarkeit auf sie zu übertragen. Krümel, die auf den Boden fielen, wurden sorgsam von den Gästen aufgehoben, so strahlte der Segen auch auf sie aus. Das Teilen des Brotes entsprach der gemeinsamen Teilung des Lebens oder übertragen auch einer Geisteshaltung. Das gemeinsame Brotteilen und -essen ist ein Symbol der Verbindung.

Das „Hochzeitsbrot" war im Mittelalter ein übergroßer Brotlaib, der speziell zur Vermählung gebacken wurde. Priesterlich gesegnet, wurde das erste Stück für die Braut abgeschnitten. Diese aß es jedoch nicht, sondern bewahrte es sorgsam auf, um daraus den ersten Sauerteig für die neue Familie anzusetzen. Das Leben wird weitergereicht. Gesegnete Brote wurden auch zerkrümelt und auf den Feldern verteilt. Sie gaben den Segen zurück an die Erde. In anderen Bräuchen wurde priesterlich gesegnetes Brot an die Tiere im Stall verabreicht, um diese mit Fruchtbarkeit zu segnen.

Umgekehrt war der „Brotfrevel" ein geradezu kosmisches Verbrechen. Viele Sagen berichten von göttlicher strafender Intervention, wenn Brot nicht als Nahrung, sondern zum Beispiel als Spielzeug genutzt wurde. Brot ist heilig. Wie könnte also derjenige, der die Kunst des Brotbackens verstand, nicht „heilig", nicht „magisch" sein?

Der Bäcker vermag es, das Getreide zu wandeln. Er gehört damit zu den transformierenden Magiern. Seine Arbeit geschieht in der Nacht und in der Dämmerung, nicht weil wie viele glauben, die Menschen früh morgens frisches Brot möchten. Vielmehr war es umgekehrt. Die Gewohnheit frisches Brot am Morgen und nicht etwa am Abend zu kaufen, beruhte darauf, dass das Brot in der Dämmerung – also zwischen Dunkelheit und Licht, im Gleichgewicht der polaren Kräfte gebacken wurde. Das transformierende Feuer bewirkte eine feste Verbindung von nahrhaftem Getreide und lebensnotwendigem Wasser. Die Bäckermagie war eine Elemente-Magie.

Der Bäcker ist in den Märchen zwar nicht ganz so häufig vertreten wie der Müller, dennoch gibt es zahlreiche Märchen, die den Bäcker als wissenskundigen Menschen zeigen. „Heute back ich, morgen brau ich..." ruft auch das Rumpelstilzchen aus. Es ist der Transformationsmagie mächtig, weshalb es auch Stroh zu Gold werden lassen kann.

So lässt der Bäcker Nahrung entstehen, die auch uns verwandelt. Es gibt praktisch keine Art von historischem Brot, das nicht mit rituellen Zeichen versehen wird: Kreuze, Sonnenräder, die Form der verwobenen Breze an sich (ein uraltes Lebenskraftsymbol), u.v.m. Jede Region kennt ihre speziellen Gebäcke, die zu bestimmten heiligen Zeiten (und ursprünglich nur dann) gebacken wurden: Das „Johannisbrot", der „Lebkuchen", das „Gebildebrot", die „Seelen", der „Christstollen" u.v.m.

Der Bäcker ist der transformierende Magier des Lebens. Mißbrauchte er seine Kunst (etwa indem er zu kleine Brote backte, oder es durch streckende Zugaben verunreinigte), wurde er oft mit dem Tode bestraft. Der Bäcker hatte für die Lebenskraft der Gemeinschaft Sorge zu tragen.

 

 

 

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