Schwamm drüber? - Wie Kunst entsteht


SchwammIn Augsburg wurde ein Kunstwerk, dass einen überdimensionalen Küchenschwamm darstellt, von Kindern innerhalb weniger Stunden völlig zerfetzt. Die Installation war als Friedensdenkmal gedacht. Der Künstler Michel Abdollahi selbst dazu: „Der Schwamm (...) federt alle Einwirkungen ab, er gibt nach, behält aber stets seine Form".

Kunst liegt im Auge des Betrachters“ heißt ein bekanntes Sprichwort, deshalb möchte ich mich auch nicht über den formalen Aspekt des Werkes selbst auslassen. In der Tat entsteht Kunst erst im Betrachter. Kunst reicht also über den rein formalen Aspekt, den Gegenstand, weit hinaus. Das eigentliche Kunstwerk entsteht als schöpferischer Impuls im Menschen.

Angesichts dieses Wahrnehmungs- und Schöpfungsprozesses möchte ich darum betrachten, was denn das Kunstwerk ausgelöst hat:

Zunächst: Wer erkennt in einem Küchenschwamm ein Friedenssymbol? Ich behaupte mal die wenigsten. Michel Abdollahi muss es erklären: „Der Schwamm (...) federt alle Einwirkungen ab, er gibt nach, behält aber stets seine Form". Mit dieser Erklärung erst wird das Werk nun greifbar. Allerdings verschiebt sich die Wahrnehmung auch aus dem Gefühl in den Kopf. Der Künstler selbst macht aus dem Kunstwerk eine Metapher. Er schriebt dazu: „Wir haben uns auch ganz bewusst gegen eine Absperrung entschieden, gegen Warnschilder und Hinweise, denn Kunst soll keine Angst machen, sondern einladen, sich damit zu beschäftigen.“ Nun beginnen Kinder spontan auf diese Einladung zu reagieren: Sie höhlen den Schwamm aus. Federt der Schwamm also tatsächlich alle Einwirkungen ab? Stimmt die Metapher? Die Spontanität der Kinder hält einen Spiegel vor, sie reagieren auf die Metapher – wenn vielleicht auch unbewusst: Solange der Friede nicht gefühlt wird, ist er zerstörbar. Friede setzt nicht im Kopf an, sondern im Herzen. Abdollahi hatte keinen natürlichen Schwamm gewählt, sondern ein industrielles Kunstprodukt. Ist künstlicher Frieden möglich? Die Antwort kam auf dem Fuße – innerhalb weniger Stunden.
Kinder haben sich den Raum angeeignet. Aus einer Perspektive ist dies gut, aus einer anderen entsteht Zerstörung. Die Kinder haben etwas Neues erschaffen – etwas, was der Künstler so nicht wollte. Man hat ihn nicht gefragt. Damit stellt es einen Gewaltakt dar. Doch wurden die Bewohner gefragt? Ist das „ungefragte“ Aufstellen, damit nicht auch ein Gewaltakt? Kann ein solcher Frieden symbolisieren?

Aus dieser Perspektive ist – nach meiner ganz persönlichen Meinung – aus der „Kunst im Auge des Betrachters“ nun etwas Höheres geworden: Ein Erkenntnisprozess.

Der Künstler schreibt einen offenen Brief an die Augsburger. Er ist berührt, betroffen. Die Kunst, der Schöpfungsprozess wird also erneut reflektiert und gespiegelt. Abdollahi greift aber nicht die Kinder an, wie es viele Kommentatoren völlig falsch verstehen. Seine verbale Antwort richtet sich an die Eltern und die Augsburger allgemein. Nicht die Zerstörung selbst ist es, die ihn betroffen macht: „Mir gefällt der Schwamm auch im jetzigen Zustand sehr gut“, schreibt er sogar. Was ihn betroffen macht, ist die Ignoranz der Eltern: Während die Kinder das Denkmal zerlegten, hätten diese „geraucht und auf ihrem Handy herumgetippt”. Das Desinteresse ist es, das Abdollahi zunächst betroffen macht, nicht unbedingt die Kunstreaktion der Kinder: „Es zeigt aber auch, dass Dinge und Menschen zunehmend ihren Wert für uns verlieren,“ so der Künstler in seinem offenen Brief weiter. Die Gesellschaft verroht, so sein Resümee. „Auf dieser Seite haben uns noch nie so viele Hassbotschaften, Gewaltfantasien und Morddrohungen erreicht, wie nach der Aufstellung des Schwamms in Augsburg“, so Abdollahi auf seiner Facebookseite.

Hier muss ich ihm unumwunden Recht geben. Der wahre, noch größere, Gewaltakt besteht darin, wie wir über andere urteilen. Uns passen kleine Dinge nicht, die jemand anderes sagt und tut: Eine Formulierung, eine Meinung, manchmal gar nur eine ANGENOMMENE Meinung – und schon wird mit äußerster Härte reagiert. Andere haben so zu sein, wie wir es uns wünschen. Oft nehmen wir uns nicht mal die Zeit, genau zu lesen, genau zuzuhören. Wir entscheiden, wie ein anderer sein MUSS – so wie wir es wollen. So ist es aber nicht und so wird es nie sein. Insofern ist durch die Aktion der Kinder tatsächlich etwas Höheres entstanden. Die „Kunst im Auge des Betrachters“ hat die direkte Betrachtung überwunden und ist mehrere Ebenen weiter gestiegen – ins Kollektivfeld. Hier findet nun der wahre schöpferische Akt statt:

Wollen wir tatsächlich so mit einander umgehen?

 

 

Quellen:

Focus

Augsburger Allgemeine

Offener Brief von Michel Abdollahi (Facebook)


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