Ritual-Symbole: Die 2 Säulen


Karlskirche Wien mit zwei SäulenSäulen finden sich weltweit in der Sakralarchitektur der verschiedensten Religionen. Sie sind schon im 2. vorchristlichen Jahrtausend Bestandteil größerer architektonischer Bauten. Ihre tragende Funktion ist Bestandteil der ihnen zugrunde liegenden Symbolik: Sie stehen für Stabilität, Festigkeit und tragende Kraft. Ihr starkes Vertikalelement verbindet sie aber auch auch aufs engste mit der Baumsymbolik, sowie mit der axis mundi, der Weltenachse oder Weltensäule, an sich. Diese auf uralten schamanischen Weltvorstellungen beruhende Achsen verbinden Himmel und Erde, lassen damit das Kosmische ins Physische fließen. Diese göttliche Kraft der Säule lässt sie schließlich auch oft zu einem Synonym eines Gottes oder einer Göttin selbst werden. Im berühmten Löwentor von Mykene wird eine Säule von zwei Löwinnen flankiert, sie ist Symbol der Großen Göttin selbst.

Insbesondere in Schwellen- und Portalsituationen findet die Säule auch paarweise Anwendung. Das Portal oder die Schwelle wird so zu einer Initiation. Der Initiant – was letztlich jeder sein kann, der z.B. den Tempelraum oder heiligen Bezirk betritt – bewegt sich zwischen zwei Säulen und damit gleichsam zwischen zwei göttlich-polaren Kräften hindurch.

Rekonstruktion Salomos TempelDas wohl bekannteste Säulenpaar nennt sich „Jachin und Boas“. Dem Mythos nach stand das Säulenpaar am Eingang des Temepels von Jerusalem. Salomo soll den Baumeister Hiram mit ihrer Gestaltung beauftragt haben. Könige 1,7 gibt die exakten Maße der Säulen wieder: Ihre Höhe betrug 18 Ellen (3x6), ihr Umfang 12 (2 x6) Ellen. Das obere Kapitel hatte die Form einer Lotusblüte, das untere war mit Granatäpfeln versehen. Diese genaue Beschreibung verweist auf die hohe Bedeutung des Säulenpaares, sowie seine starke Symbolik. Die Granatäpfel verweisen auf die Fruchtbarkeitssymbolik, die Lotusblüten auf die geistig-seelische Kraft. Jachin und Boas verbinden also Geist und Körper. Deutlich wird das Säulenpaar als eine Weltenachse polarer Kräfte erkennbar.

Wie in Mykene können die Säulen aber auch für Götter selbst stehen. So gibt es Thesen, dass die Säule Jachin ein phönizisches Äquivalent zu JHWH (den jüdischen Jahweh) und Boas mit Baal verbunden sei. Übereinkunft herrscht darin, dass der Name „Jachin“ vom hebräischen „gründen, befestigen, aufstellen“ und „Boas“ vom hebräischen „Macht, Stärke“ ableitbar ist. Dennoch können damit auch die beiden Götter Jahweh und Baal gemeint gewesen sein. Baal hatte einen starken Sonnenbezug und bildet eine direkte etymologisch-symbolische Linie zum keltischen Lichtgott Belenus oder dem germanischen Balder (Baldur), der ebenfalls mit dem Licht der Sonne verbunden ist. Seine Polarität wäre der Mond. Tag und Nacht treten uns so als Polarität in den zwei Säulen entgegen, aber auch Geburt und Tod, bzw. Körper (Fruchtbarkeit) und Geist (Jenseitiges, Spiritualität).

In der romanischen Kirche St. Zeno in Isen sind die 2 äußersten Säulen des Kirchenportals mit Sonne und Mond als Deckengemäld gekrönt. Sie bilden einen unmittelbaren Bezug zur Polarität von Jachin und Boas.

Portal und Decke St. Zeno - Isen

Die 2 Säulen im Kult

Freimauerer Ritualteppich mit Sonne und Mond , sowie der Säilen Jachin und BoasJachin und Boas finden vor allem in freimaurerischen Riten Anwendung (hier auch als Jakim und Boas bekannt). Sie werden als physische Säulen während des Rituals aufgestellt, bzw sind im Ritualraum präsent und repräsentieren u.a. die Grundpfeiler der Humanität. Der Mythos hat sich hier weiterentwickelt: Boas war der Urgroßvater Davids, des Königs von Israel. Jachin war ein Hohepriester, der einen Teil des Tempels von Jerusalem geweiht hatte. In freimauererischen Ritualen sind die beiden Säulen vor allem präsent bei der Eröffnung der Loge und der Aufnahme in die Loge. Beides starke Schwellensituationen.

Bisweilen werden schamanische Rituale beschrieben, bei denen sich der Schamanane zwischen zwei in die Erde gerammte Stäbe hindurchbewegt, um die andere Wirklichkeit zu betreten. Manchmal sind dies auch einfach zwei nahe beieinander stehende Bäume (optimalerweise z.B. eine Birke und eine Eiche als polare Kräfte). In der Ritualmagie finden u.a. eine weiße und eine schwarze Säule als Portal bei der Meister-Schüler-Initiation Anwendung. In kabbalististischen Ritualen tauchen die beiden Säulen als die Doppelsäule der Strenge und Gnade des kabbalistischen Lebensbaums auf.

Ob die Säulen nun einfach als Symbol beim Ritual präsent sind, oder aber der oder die Ritualteilnehmer sich durch das Säulenportal hindurchbewegen, um die Schwelle zu überschreiten, ist zweitrangig. Das Säulenpaar baut an sich eine Schwellensituation auf, die durch die polare Kraft der beiden Weltenachsen erzeugt wird.

 

Die 2 Säulen in der Architektur

Die 2 Säulen sollen den Eingang zum Tempel Salomos bewacht haben in syrischen Tempeln (z.B. Tell Ta‘yīnāt) ebenso und trugen hier das Dach des Vorraumes. Bekannt sind auch auf Zypern gefundene Tempelmodelle aus dem 7. Jahrhunder vor unserer Zeitrechnung, die sehr ähnlich gestaltet waren. Im Mittelalter gehören bis ins 12. Jahrhundert hinein, die zwei Säulen am Portal zum festen Bestandteil der christlichen Sakralarchitektur und nehmen eindeutigen Bezug auf den Jachin-Boas-Mythos. Danach wird diese architektonische Symbolik seltener. Bekannt ist jedoch die Wiener Karlskirche aus dem 18. Jahrhundert, bei der vor der Kirche zwei mächtige Säulen als Jachin-Boas-Zitat aufgestellt sind.

Die Weltensäule als polares Doppel ist ein starkes rituelles Symbol, dass zwei Urkräfte als Pendent gegenüberstellt und so ein Portal bildet. Im Initiationsritus wird so die Schwellensituation ins Zentrum gerückt und der Initiant betritt die andere, die Nichtalltägliche Wirklichkeit, den spirituellen Raum.

 

 

Bild Karlskirche Wien © fotolia

Die übrigen Bilder: Gemeinfrei

 


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