Eine Ortserfahrung


GeiststeinSommer 1991. Mit einer Gruppe von Leuten bewege ich mich durch einen Wald östlich von Stuttgart. Wir unterhalten uns, reden, debattieren. Plötzlich verebben die Gespräche. Jemand setzt zu einem Satz an, der unter den Blicken der Gruppe gleich wieder erstirbt. Der Pfad verengt sich, so dass wir nur noch hintereinander gehen können. Die Natur wirft die plötzliche Ruhe der Gruppe zurück wie ein Echo. Nur in der Ferne erschallt der Ruf eines Habichts, so als wolle er unsere Annäherung verkünden.

Dann weitet sich die Sicht plötzlich wieder. Ich blicke auf einen Felsen, der aus der Erde hervorzuquellen scheint. Bäume schmiegen sich mit ihren Wurzeln um ihn, nur von einer dünnen Erdkrume vom blanken Fels getrennt. Sie umarmen ihn, wie in Liebe vereint. Am Fuß des Felsens tritt irgendwo, verdeckt von Sträuchern und Kräutern, eine Quelle oder ein Bach hervor. Das Glucksen vereint sich mit der Stille des Ortes zu einer ruhigen Melodie.

Wir bewegen uns weiter - am Felsen vorbei. Selbst die Gedanken scheinen sich zu beruhigen. Da taucht ein neuer Felsen auf. Einige beschleunigen ihre Schritte und halten direkt auf ihn zu, andere beginnen, ihn in einem weiten Bogen zu umkreisen und nähern sich ihm auf eine sehr sanfte, ja weibliche, weil spiralförmige Art. Ich gehöre zu den ersten. Schnell stehe ich vor ihm, und ebenso schnell scheine ich von ihm wieder zurückgedrängt zu werden. Etwas hält mich davon ab, ihn direkt zu berühren. So stehe ich erst eine Weile still vor dem Stein, bis ich mich getraue, ihn anzufassen.

Und jetzt scheint er sich mir zu öffnen, ich kann den Stein betasten, ihn spüren, sowohl seine Rauigkeit als auch seine innere Weichheit. Mit geschlossenen Augen lehne ich an ihm, vergesse die Gruppe, werde schließlich selbst zum Stein.

Ich befinde mich an einem sogenannten "Ort der Kraft"‚ einem Stück Natur, das anders zu sein scheint als der übrige Wald. Es ist der Geiststein bei Walkersbach, östlich von Stuttgart. An seinem Kopf ist ein Sessel, ein Thron, eingehauen. Hier sitzend, praktizierten die sogenannten >Wiedertäufer< in der Zeit ihrer Verfolgung das, was in der Bibel mit >Zungenreden< bezeichnet wird. Sie ließen den Heiligen Geist über sich kommen und übermittelten ihrer Gemeinde die merkwürdige Botschaft, die sie in oft unverständlichen Lauten oder einer fremden Sprache von sich gaben. Man bezeichnet diese Art der Kontaktaufnahme mit anderen Welten heute salopp als >Channeling<.

Nun stand ich vor einem Felsen und versuchte ihn zu erfühlen, versuchte mit einem Stein zu reden. Ein wenig albern kam ich mir dabei schon vor. Und dann erinnerte ich mich, warum ich hergekommen war. Ich öffnete die Augen und versuchte die besonderen Qualitäten des Platzes zu erschauen. War es der Fels, der sicherlich beachtenswert war, aber dann doch wieder nicht so imposant, dass man staunend auf ihn blicken musste? War es das leichte Tal mit seiner Lichtung ihm zu Füßen, das den Anschein vermittelte, als ob es sich ganz auf den Stein hin orientierte? Waren es die Bäume, die ihn umstanden und dennoch gleichzeitig von ihm wegzustreben schienen? So sehr meine Augen und mein Verstand auch nach Antworten suchten, ich konnte nichts entdecken, was die Heiligkeit dieses Ortes begründet hätte. Und auch das Gefühl der Verschmelzung mit dem Ort war verschwunden. So setzte ich mich etwas abseits und beobachtete die Gruppe. Abwechselnd, ohne Hektik, setzte sich einer nach dem anderen in den steinernen Sessel. Manche verließen den Platz schnell, andere blieben Minuten lang sitzen.

Ich schloss erneut die Augen und genoss den Platz. Hier war keine landschaftliche Besonderheit zu sehen, die nicht auch anderswo zu sehen wäre. Warum also nicht einfach den schönen Tag genießen?! Wieder schrie in der Ferne der Habicht. Ich lauschte seinem Schrei, dem Wind in den Bäumen, den wenigen Geräuschen der mich umgebenden Menschen... und da war es wieder: Der Ort begann mit mir zu reden, nicht auf eine laute, verstandesmäßige, logische Art, sondern spürbar, in Gefühlen und Lauten. Er redete mit mir durch den Schlag meines eigenen Herzens, durch Wärmeströme, die mir durch den Körper pulsten, durch das Gefühl, einfach da zu sein. Was den Augen verborgen blieb, öffnete sich den Ohren, was der Kopf nicht verstand, verstand der Bauch.  So einfach war das. Es gab nichts zu lernen, man musste nur das, was immer schon da war, wahrnehmen!

 

 

Bild © Stefan Brönnle

 

 


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