Orte der Inkarnation


Kindlesbrunnen Heidenheim und ElsassBis in die heutige Zeit hinein, lassen sich Orte definieren, die im Volksglauben und Brauchtum Inkarnationsorte darstellen, Orte, an denen die Seele in unsere Wirklichkeit überwechselt. Zumeist sind es Brunnen, Teiche und Quellen, mancherorts aber auch Steine und Bäume, die als Fokussierungsplätze und Portale für die sich inkarnierenden Seelen dienen. Die Orte sind stets mit aussagekräftigen Sagen verknüpft und die Brunnen heißen nicht selten „Kindles-“, oder „Kindli-“ oder „Kinderbrunnen“. Im „Sonnenlied“ aus „Des Knaben Wunderhorn“ heißt es:

 

„Sonne, Sonne, scheine,
fahr über Rheine,
fahr übers Glockenhaus,
gucken drey schöne Puppen raus,
eine die spinnt Seiden,
die andre wickelt Weiden,
die andre geht ans Brünnchen,
findt ein goldig Kindchen.“

Unschwer erkennen wir die dreifache Gestalt der Göttin in der „Puppen“ wieder, den großen Weberinnen und Schicksalsflechterinnen.

Frau holle teich Hoher Meissner mit Holzskulptur der Frau HolleDie Orte sind – soweit sie noch bestehen und bekannt sind – genau bezeichnet: Der Kindlesbrunnen in Heidenheim etwa, der Brunnen auf der Löwenburg bei Bad Honnef, der Frau Holle Teich auf dem Hohen Meißner, der Freibergsee bei Oberstdorf und andere. Frauen sprachen auf der Löwenburg bei Bad Honnef ihren Kinderwunsch in den Brunnen, Hebammen holten Kinder in einer Tasche aus dem Lindauer Brunnen und junge Elternpaare holten sich ihr Kind schlicht aus dem Rankweiler Kindelsbrunnen.

Natürlich waren auch unsere Ahnen nicht komplett bekloppt! Man wusste seht wohl, dass das physische Kind aus dem Mutterleib und nicht aus einem hohlen Baum oder einem Brunnen kam. Vielmehr geht es hier um Portale für die Seele. Interessanterweise gelten genau solche Orte – also Bäume, Höhlen, Brunnen und Quellen etc. – als Zugangsorte z.B. in die Untere Welt bei der schamanischen Reise. Es sind Seelenportale, die eine Verbindung in Seelenräume der Nichtalltäglichen Wirklichkeit darstellen und diese besitzen eine klar definierte Verortung in der Landschaft. So berühren sich hier das Physische und das Metaphysische, die alltägliche und die nichtalltägliche Wirklichkeit.

Freibergsee OberstdorfInkarnationsorte sind heilige Plätze, die in unserer Kultur meist nur noch touristischen Wert besitzen. In indigenen Kulturen aber, werden sie bis heute gehütet und gepflegt. So holen Aborigines-Männer die Seele ihres Kindes aus einer Quelle, um es ihrer Frau zu bringen. Diese Orte sollten auch heute wieder mehr erfahren als touristisches Interesse. Rituale sollten heute aus dem Kerker geschlossener Räume wieder hinaus getragen werden an die Plätze der Begegnung von Seele und Physis, um so wieder einen konkreten Ortsbezug zu erhalten. In dieser Begegnung von Geist und Materie liegt die Magie der Landschaft und der Erde, die befähigt ist auch in uns Portale zu öffnen.

 

Bild oben: Links: Kindlesbrunnen Schloss Hellenstein, Rechts Kindlesbrunnen Elsass

Bild Frau Holle Teich © Fotolia

 

 

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