Wer darf sich Schamane nennen?


Schamane bläst Rauch mit dem Wort "Schamane"Diese Frage führt immer wieder zu heftigen Diskussionen in entsprechenden Foren. Die zwei polaren Positionen – „Jeder darf sich Schamane nennen“ und „Zum Schamanen musst Du von einem praktizierenden indigenen Schamanen ernannt werden“ – stehen sich scheinbar unversöhnlich gegenüber.

Die Schwierigkeit besteht m.E. darin, dass wir jeweils bestimmte Vorstellungsbilder mit dem Begriff des Schamanen verbinden. Wenn man sich das, was als „Schamane“ bezeichnet wird, weltweit betrachtet, wird schnell offenbar, dass da große Gemeinsamkeiten bestehen, ebenso dass es Unterschiede zwischen z.B. einem Schamanen und einem modernen Arzt, bzw. einem Priester gibt, ist offensichtlich. Schwierig dagegen ist die deutliche Abgrenzung: Wo hört der „Schamane“ auf, wo fängt der „spirituelle Lehrer“, „Arzt“, „Psychologe“ an? Darüber herrscht nicht einmal in den wissenschaftlichen Kreisen der Anthropologie auch nur annähernd eine Übereinkunft.

 

Begriff

Farbpostkarte Schamane bei HeilzeremonieAber der Reihe nach: Unser verwendetes Wort „Schamane“ beruht auf dem tungusische Wort „shaman”. Dieses steht etymologisch wiederum in Beziehung zum z.B. mandschurischen „samarambi”. Dieses bedeutet soviel wie „um sich schlagen“ und bezieht sich auf die bei Schamanen häufig (aber eben nicht immer) übliche Ekstasetechniken, bei denen der „Schamane“ „außer sich“ gerät (=griechisch ἔκστασις ékstasis „das Außersichgeraten“). Vermutlich steht auch das chinesische „sha-men“ für „Hexe“ sprachverwandt in Beziehung. (Womit aber bereits die Diskussionen beginnen: Ist eine „Hexe“ eine „Schamanin“?).
Im 19. Jahrhundert wurde der tungusisch-sibirische Begriff „shaman“ von Anthropologen als Sammelbegriff für ähnliche (und da bekommen wir es mit Definitionsschwierigkeiten zu tun) „spirituelle Experten“ anderer Kulturen angewendet.

Wenn sich also heute in Europa eine Person als „Schamane“ bezeichnet, meint diese – davon kann man ausgehen – sicher nicht den engen Begriff eines speziell tugusischen „shaman“, sondern nimmt Bezug auf den anthropologischen Sammelbegriff. Als „shaman“, oder eben „Schamane“ wird eben im eigentlichen Sinne nur der tungusisch-sibirische „Seelenexperte“ bezeichnet. In anderen Kulturen werden diese Experten ganz anders genannt: Die Navajo nennen sie „Hataalii“, die Eskimo „Angakok“, die Oroken „Chuonnasuan“, in Südafrika ist ihr Name „Sangomas“, in Westafrika dagegen „Babalawos“, die Maori sprechen von „Tohunga matakite“, die Aborigines von „Ngarrindjeri“. Im japanischen Shinto-Kult sind die NamenOtoko miko“ oder „Onoko kannaki“ für männliche, „Onna miko“, „Kannaki“ oder „ Joshuku“  für weibliche ExpertInnen gebräuchlich. Die Mapuche Chiles nennen sie „Machis“. Ob die GeistheilerInnen Mexikos, die „Seri“, in die Begriffsdefinitionen eines „Schamanen“ passen, ist dagegen bereits umstritten.

 

Funktion

Schamanen historisches BildSchamanen haben in den indigenen, den „schamanischen“ Kulturen, viele Funktionen. Sie sind Geistheiler, Traumdeuter, Wahrsager, Ärzte, Kräuterkundige, Opferpriester, Totenseelen-Geleiter (Psychopompos), Zeremonienmeister, Medium, Schadzauberer, Besessene, Heilige, Wetterzauberer und manchmal sogar militärische Berater.
Die Definition dessen, was exakt ein Schamane ist und wie er sich abgrenzt, ist nicht eindeutig und heiß umstritten. Obwohl wir äußerlich erkennen, dass zwischen den genannten Experten der verschiedenen Kulturen große Gemeinsamkeiten bestehen, können wir den Platz nicht eindeutig zuweisen. Wie also soll man entscheiden, wer sich „Schamane“ nennen darf? Wir leben in Europa eindeutig nicht mehr in einer indigenen Kultur. Dennoch gibt es unzählige Wurzelstränge in die eigene „schamanische“ Vergangenheit der Völker unserer Kultur (Germanen, Kelten, Pikten, ja auch die antiken Griechen, die Etrusker und Römer). Vielleicht hilft ja eine Definition der genutzten Methoden?

 

Methoden

„Schamanen“ bedienen sich verschiedenster Methoden, ihr Bewusstsein zu verändern, in „andere Wirklichkeiten“ vorzudringen und daraus Informationen zu beziehen, die den physisch Lebenden gesundheitlich, psychisch, sozial, juristisch oder wie auch immer nutzbringend sind. Dazu werden häufig – aber nicht immer Trancen verwendet, die durch Bewegung, Stille, Rhythmik, Gesänge, sowie Drogen (Entheogene) induziert werden. In vielen Kulturen ist dies die Aufgabe, manchmal sogar das Vorrecht des „Schamanen“. In anderen – wie z.B. bei einigen nordamerikanischen Stämmen – existieren gar keine separaten Experten. Alle Mitglieder der Gemeinschaft gehen auf Visionssuche. Während in Südamerika der „Schamane“ lediglich Führer und Mediator ist und der „Spirit der eingenommenen halluzinogenen Droge“ praktisch jeden zum „Schamanen“ im Sinne des Methodik-Nutzenden macht.

 

Der Weg

Die „Schamanenwerdung“ ist in der Regel (also im interkulturellen Vergleich) ein Lebensweg. Sie enthält tiefe seelische Erfahrungen, Krankheiten, manchmal (bewusst herbeigeführte) Nahtodeserfahrungen und daneben – wie bei jeder Weitergabe menschlichen Wissens – das Lernen bei einem oder mehreren Lehrern.  „Schamane“ zu werden ist sozusagen ein seelischer Transformationsakt, der nicht selten sogar gegen den Willen des „Auserwählten“ verläuft. Oft zeigt sich die Befähigung zum Schamanen bereits durch das Verhalten in der Kindheit (Reizbarkeit, Wildheit, epilepsieartige Anfälle, Ohnmachten, lange Abwesenheiten in der Wildnis, Depressionen) Diese Eigenschaften werden als Ausdruck des Wirkens der Geister, der „Spirits“ gesehen. Der künftige „Schamane“ erhält – trotz äußerliche Unterweisung durch einen Lehrer – eine innere Unterweisung durch die Ahnen und Hilfsgeister. Der dienstältere „Schamane“ übernimmt also die Aufgabe eines Führers oder Wegweisers. In den allermeisten Fällen geschieht das Überschreiten verschiedener Bewusstseinsschwellen und das dadurch induzierte Erleben verschiedener Seinszustände und innerer Welten durch die Spirits und nicht infolge äußerlich formaler Akte. Ort und Zeitpunkt werden durch die Andere Wirklichkeit bestimmt.

Die eigentliche äußerliche Initiation zum „Schamanen“ ist daher ein äußerlich-formeller Anerkennungsakt durch die Gemeinschaft. Entscheidend dafür ist, was der „Schamane“ kann, nicht wie lange und bei wem er gelernt hat.

 

„Schamanen“ im modernen Europa

Feder und RasselWir leben wie schon beschrieben in keiner klassisch indigenen Kultur. So gesehen kann es per Definition keine Schamanen bei uns geben. Heißt das aber, dass Menschen hier keinen inneren Ruf hören? Dass sie keine durch Krankheiten und Nahtodeserfahrungen induzierten Erlebnisse der Nichtalltäglichen Wirklichkeit (NAW) haben? Und dass es in Europa keine Menschen gibt, die den Kontakt zu ihren Ahnen haben oder die geistig-seelische Durchwirkung der Natur erleben? Natürlich nicht. Die NAW bricht sich überall Bahn, die Geister machen nicht Halt an politischen, sozialen oder kulturellen Grenzen. Diese Erfahrungen gehören zum Seelenerleben der Menschen dazu. Sozialwissenschaftler des NORC (National Opinion Research der Universität von Chicago) haben seit 40 Jahren periodisch Amerikaner über ihr inneres Leben befragt. Diese Untersuchungen gehören zu den bestdokumentierten Ergebnissen in der gesamten Sozialwissenschaft. Sie haben ergeben, dass nahezu die Hälfte der Amerikaner von einem >Kontakt mit Verstorbenen< berichtet.

Wir besitzen in unserer Kultur also die gleichen Grundvoraussetzungen zum „schamanischen Erleben“, aber in weiten Teilen nicht mehr den kulturellen Hintergrund.  Und genau dies führt zu dem in der Einführung benannten Disput: Da die Gemeinschaft unserer Kultur den „Schamanen“ an sich nicht anerkennt, kann es auf der einen Seite keine Schamanen bei uns geben, da eben die Legitimation der Initiation durch das Fehlen der formalen Bestätigung entzogen wird. Da aber weiterhin die Ahnen, Spirits, die Götter und Geister wirken (Allein zwischen 1980 und 1995 kam es laut AOK-Krankheitsstatistik zu einer Verdoppelung psychischer Erkrankungen wie Neurosen und Psychosen, die ja in indigenen Kulturen als Wirken der Geister betrachtet werden), werden vermutlich hunderte Menschen innerlich initiiert, ohne dass sie davon wissen, weil der kulturelle Kontext eben nicht gegeben ist. Es ist eben nicht der Schamane der einen Initianten beruft, wie gerne behauptet wird, sondern die Geister. Dies ist im interkulturellen Vergleich sogar einer der Hauptunterschiede zwischen Priestern und Schamanen. Priester werden durch eine religiöse Institution ernannt, Schamanen durch die Spirits.
Genau dieser innere Akt ist aber nicht nachweisbar. So will ich das Problem des „Plastikschamanen“, des Esoterikers, der sich nach einer Krafttierreise für einen Schamanen hält, gar nicht wegreden. Dennoch ist die Betitelung als „Schamane“ (in Ermangelung eines kulturell verwurzelten nutzbaren Begriffs für den Experten) eben nicht durch ein irgendwie geartetes Zertifikat, eine Segnung, eine Zeremonie „berechtigt“ zu führen, sondern allein aus der inneren Transformation heraus, die äußerlich – gerade bei uns - eben nicht nachweisbar ist. Im Daoismus heißt es: „Das Können eines Meisters spricht für sich“. Dieses Können kann von der Methodik her durch den Erwerb von Wissen (Seminare, Workshops) unterstützt werden und von der Führung her durch einen physisch lebendigen Lehrer erleichtert werden, der Dir beratend zur Seite steht, zeigt sich ansonsten aber durch erfolgreiches Handeln.

Wer sich daher als Hilfesuchender auf die Suche nach einem tauglichen „Schamanen“ bei uns in Europa begibt, kann nicht einerseits eine Person suchen, die jenseits unserer formalen gesellschaftlichen Bildungsstrukturen steht (der wende sich besser an einen Arzt oder Psychiater) und andererseits die Bedingung einer formalen Anerkennung durch ein Zertifikat oder „Meisterbrief“ voraussetzen. Er muss ebenso auf die Führung der Spirits vertrauen zur richtigen Person geführt zu werden wie der schamanische Initiant selbst. – Selbst auf die Gefahr hin, dem einen oder anderen „Plastikschamanen“ zu begegnen, denn den schamanischen Weg zu folgen bedeutet auch, gängige Konzepte von anerkannten Bildungsstrukturen zu verlassen in eine Welt, die von Vertrauen getragen ist. Und – mit Verlaub – die Spirits schert es einen Dreck, wie Du Dich nennst….

 

 

Initiationsschulung "Die Erde heilt"

 

Bilder
Farbpostkarte Schamane bei Heilarbeit - wikipedia
Higalik Schamanen – wikipedia

Schamane bläst Rauch © Thinstock
Feder/Rassel © Christiane Ullrich


Kommentare (6)

  1. Dinah Vogel :
    09.12.2016 13:27

    Vielen Dank für diesen tollen Artikel!icv kann dem nur zustimmen!

  2. Dinah Vogel :
    09.12.2016 13:27

    Vielen Dank für diesen tollen Artikel!icv kann dem nur zustimmen!

  3. leybkneter:
    09.12.2016 22:04

    Klasse Artikel

  4. Menkah :
    10.12.2016 09:48

    Ausgezeichneter Artikel-vielen Dank....

  5. Karoline Engels:
    14.12.2016 22:27

    Schwieriges Thema sehr gut erklärt

  6. Simone Krüger:
    28.12.2016 16:15

    Ich habe mir gerade den Artikel 29.Oktober angeschaut.Eine sehr gute Beschreibung.
    Es ergab sich in der Familie ein Ereignis,so habe ich den Entschluß gefasst mich von der Familie zu trennen. Hier konnte ich das unehrliche Verhalten nicht teilen.

  1. 1

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