Der Genius Loci


FelsengesichtAus der römischen Mythologie stammt die Vorstellung des Genius loci, des Geistes (Genius) eines Ortes (loci). Der Genius, der klassischerweise in der Antike oft als Schlange dargestellt wurde, verkörpert dabei eine zunächst überindividuelle Entität, eine Wesenheit, die mit der Sippe als Ganzes (lateinisch „gens“) verbunden ist und diese von einer Generation zur nächsten begleitet. Der Ort, an dem eine Sippe ihren Ausgang nahm und mit dieser dadurch in starker Verbindung steht, wurde vom Genius loci bewacht und beschützt. In römischen Häusern war es so auch Sitte, Schlangen zu halten, die als Verkörperung der Ortsgenien galten. Der Tod einer Schlange galt als äußerst schlechtes Omen.

In der Wandlung zum Christentum siegte dieses über heidnische Kulte. Die alten Verkultungen waren daher nicht gerne gesehen, unterhöhlten sie doch den Glauben an den EINEN Gott. Daher wurden die Ortsgottheiten verteufelt und mit ihnen die Schlange. Karl der Große erließ ein Gesetz, wonach alle Schlangen am und im Hause zu töten seien, was eine furchtbare Mäuse- und Rattenplage zur Folge hatte…

Der Genius trägt also gleichsam die zeugende, schöpferische Kraft (gens = Geschlecht) in seinem Namen. Er ist eine Entität, die sich in eine geistige Fokussierung am Ort – aus der Paradieswelt kommend – hineingebiert. Aus einer solchen innigen Verbindung einer Sippe oder gar eines Volkes mit dem Genius eines Ortes wurden, gleichsam den umgekehrten Weg nehmend, Ortsgenien zu übergeordneten Göttern erhoben, die ganze Landstriche, ja letztlich Erdteile, in ihr Machtrefugium wandelten. Die griechische Muttergöttin Hera hatte ihren Urkultort auf Samos. Hier, in einem heiligen Baum mit einem an ihm gebundenen >Daimon<, einer Baumnymphe, lag das vermutlich erste Hera-Heiligtum. Der Kult weitete sich aus und so wurde die Baumnymphe zu einer landschaftlich übergreifenden Göttin.

In der Geschichte kennen wir so beide Wege: Die Entwicklung von der Ortsgottheit – Genius loci – zur übergeordneten Gottheit und – nach dem Sturz einer Kultur – wieder zurück zu einer ortsgebundenen Wesenheit, einem Naturgeist




Bild © Stefan Brönnle
 

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