Die Mauer: Magische Haut des Hauses


geschnitzte Symbole an den Häusern in QuedlinburgDie Mauer ist die heilige Grenze des Hauses, seine Umhegung: Sie trennt das Außen vom Innen und schafft damit einen eigenständigen, geheiligten, Raum, ein Sanktuar. Dieser geschaffene Innenraum und seine Grenze gelten auch heute noch als etwas besonderes, denn ein mutwilliges, respektloses Ignorieren dieser Grenze wird auch heute noch als “Hausfriedensbruch” geahndet.

Das Haus ist eine geistig-seelische Einheit, ein Holon. Mit der Errichtung der Mauer, der “Haut” wird es geschaffen, indem ein Bereich aus der unmittelbaren Einheit des Ortes herausgenommen wird. Dieser Raum wird dem Holon des Ortes sozusagen “geraubt”. Deshalb waren traditionell eine Reihe von Maßnahmen erforderlich, um die Ortskräfte zu besänftigen und den Schutz der Grenze zu gewährleisten. Um das Haus zu verankern, war vor allem die Grundsteinlegung von zentraler Bedeutung. Da die Mauer einen Sakralraum erschuf, war auch der mit ihrer Errichtung verbundene rituelle Akt ein heiliger. Das für die Zeremonien benutzte Gerät durfte zu profanen Zwecken nicht wieder verwendet werden. Deshalb wurde es zerstört, eingemauert oder man benutzte spezielles Ritualwerkzeug wie z.B. silberne Kellen. Auch die während der Festlichkeiten benutzten Utensilien (z.B. Krüge für den Wein) waren dadurch geheiligt und hatten magische Wirkung. Sie wurden zur Verwahrung und zum Schutz der Mauer eingemauert. So findet man heute noch häufig z.B. Flaschen aus den rituellen Baufesten mit eingemauert. Sie bilden Smbole, denen eine schutzgebende Wirkung zugesprochen wurde wie z.B. der klassische Lebensbaum oder das christliche Kreuz. Ihre Präsenz im Mauerwerk weiht auch dieses als Ganzes. Sie überträgt die Heiligkeit des vollzogenen Rituals ins physische Mauerwerk.

Um die Geister des Ortes, den Genius loci wie er von den Römern genannt und oft in Form einer Schlange dargestellt wurde, zu besänftigen, waren aber ebenso Bauopfer üblich. Zu solchen Bauopfern zählt z.B. der sogenannte “Blutmörtel” als magischer Schutz des Mauerwerks: Bei der Grundsteinlegung wurde ein Tier ( je nach Größe des Baues ein Schaf oder Stier) geschlachtet. Sein Fleisch diente den Anwesenden zur Festspeise, sein Blut aber wurde mit unter den Mörtel gemischt. Kausal wird, wo dies heute noch üblich ist, dieser Akt dadurch erklärt, dass das Blut des Tieres dem Mörtel Festigkeit verleihe. Ich halte dies jedoch für eine spätere Rationalisierung, denn andernorts transformierte der Blutmörtel zum “Weinmörtel”: Ein Teil des beim Festakt getrunkenen Weins wurde mit unter den Mörtel gemischt. Eine weitere Transformation dieses Brauches stellt das rituelle Trinken und vor allem Verschütten von (Rest-)Wein dar. Wiederum liegt diesen Brauchtümern zugrunde, dass die rituelle Nahrung geheiligt ist und als solche selbst im Stande ist, wiederum das Bauwerk zu schützen.

Auch andere Schutzzeichen gelten heute meist nur noch als formaler Zierrat. Dabei sollte man bedenken, dass vor der Aufklärung KEINE Form einfach nur hübsches Zeichen, sondern stets auch Symbol war und damit magische Funktion hatte. Muster aus schräg gestellten Ziegeln im Mauerwerk z.B. sind weit mehr als der “Zierwille des Maurers”. Typisch sind hier u.a. das Wellen- oder Netz-(bzw Gitter-)Motiv. Die Welle steht für das Element Wasser und die mit ihm verbundene Fruchtbarkeit. Sie ist ein Symbol der Lebenskraft. Auch in der Variation als Zickzacklinie versinnbildlicht die Welle damit die Ur- und Segenskraft der Erdmutter und soll dem Haus und seinen Bewohnern Schutz, Fruchtbarkeit und Segen zukommen lassen.
Das Gitter oder Netz (oft in der Variation als Rautennetz) hat den Sinn des Einfangens von geistigen Kräften – ähnlich den in Mode gekommenen indianischen Traumfängern. Als geisterfalle schützte es das Haus vor üblen Mächten. Gleichzeitig steht es aber auch in Beziehung zum Spinnennetz und damit zur “großen Weberin”, der Grossen Mutter.

Bild: Stefan Brönnle

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