Die Heilige Mitte


Mit Steinen gestaltete Mitte, Vastu purusha Mandala und Pawnee ErdbauDie Definition der Mitte ist ein zentraler geomantischer Akt. Bei der Gründung eines koptischen Klosters, des St.Antonius-Klosters in Waldsolms-Kröffelbach bei Frankfurt am Main in den 1980er Jahren kam eigens Papst Shenouda III (Patriarch des Stuhles vom heiligen Markus) angereist. Er wanderte über das Grundstück und definierte den genauen Punkt der heiligen Mitte.

In der indischen Sakralarchitektur wird die Definition der Mitte als Nabel des Vastu Purusha Mandalas abgeleitet. Die Tempel sind vorwiegend Zentralbauten und definieren schon über ihre Form die heilige Mitte, die Brahma geweiht ist. Der indianische Erdbau, das zeremonielle Zentrum des Dorfes der Pawnee-Indianer, ist ebenfalls ein Zentralbau. Die Mitte wird von der Feuerstelle eingenommen. Hier brennt die lebens- und wärmespendende Flamme, mythologisch der Mund des Schöpfergottes Tirawa. Dennoch wird exzentrisch in der Flucht des Einganges ein spezieller Sakralbereich ausgewiesen. Altar und Feuer kommunizieren mit einander, ja sind im Grunde wesensidentisch.

Das irische Hochkreuz zeigt die Mitte des Kreuzes umgeben von einem Kreis. An den Armen des Kreuzes erkennt man vier kleinere Ringe. Sie stehen für die vier Elemente Wasser, Feuer, Erde und Luft. Im Zentrum des Kreuzes entdecken wir einen fünften Ring. Ein Symbol für das “Fünfte Element”, die Quinta Essentia. Es ist Christus selbst. Christus ist die Mitte. Übertragen auf eine Kirche mit Querschiff finden wir die heilige Mitte zunächst in der Vierung, dort, wo sich die Arme des Kreuzes treffen. Eingedenk des mythologischen “Corpus Christi” befindet sich hier der abendländischen Tradition entsprechend das Herz Christi. Dies war bis in die Renaissance in den meisten Fällen der heilige Ort des (Volks-)Altares. Die Ursprungsmythologie des christlichen Altares ist der Abendmahlstisch, der in der Mitte des Raumes stand. So kannte die christliche Urgemeinde nur Mahltische (keine Opferaltäre), die in der Mitte des Raumes standen. Als sich um 100 n.Chr. die ersten christlich-liturgischen Längsbauten entwickelten, stand der Altar im Zentrum des Chorbereichs, da dieser einen eigenständigen liturgischen Bereich für den Klerus darstellte und vom Volk durch die Chorschranke (Lettner) getrennt war. Der Altar des Volkes stand jedoch in der Mitte (Vierung) des Gesamthauses. Erst ab der Gotik wanderte die heilige Mitte des christlichen Sakralbaues mehr und mehr nach Osten in den Chorraum. Diese Verschiebung nach Osten war im Barock formal abgeschlossen.

Analog dazu zeigten die frühen Christusdarstellungen der Romanik eine Christusfigur, die eher am Kreuz zu schweben schien (Christus triumphans). Die definierte Mitte des Kreuzes entsprach dem Herz Christi. Erst ab der Gotik sinkt die Gestalt Christi zusammen und der Kopf hängt mehr und mehr, bis sich schließlich der Kopf im Zentrum des Kreuzes befindet. So kam es zu einer Verschiebung der “Mitte” vom Herzbereich in den Kopf, sowohl in der Christusdarstellung, als auch in der Lage des Altars. Ist dies nicht ein wunderbarer symbolischer Spiegel für die Eigendefinition unserer abendländischen Gesellschaft? Wir haben die “Mitte”, das Zentrum unserer Aufmerksamkeit aus dem Herzen in den Kopf verschoben…..

 

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Bild © Stefan Brönnle (Grundlagenbild © Thinkstock)


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