Der kosmische Mensch


Menschliche Gestalt in den Sternen„Adam Qadmon“ (manchmal auch Adam Kadmon, oder Adam Kadmos genannt) ist nach Aussagen der Kabbala und Haggada der „kosmische Mensch“ (hebräisch: אדם קדמון ‚ursprünglicher Mensch‘) – gleichsam das Urbild des Menschen und sein Entwicklungsziel. Der Mythologie zufolge verlor jedoch der irdische Mensch drei Weisheiten, die ihn gleichsam gottähnlich machen: Die Weisheit, die Herrlichkeit und die Unsterblichkeit.

So heißt es in einem kabbalistischen Text: „Sein Kopf ist eine Triade aus Weisheit und Intelligenz, die überragt werden durch die Krone, die Herrschaft symbolisiert. Die Brust, die Schönheit, ist verbunden mit dem rechten Arm, der Barmherzigkeit und dem linken Arm, der Gerechtigkeit. In einer dritten Triade beherrschen die Genitalien, die als Fundament bezeichnet werden, das rechte Bein, die Festigkeit und das linke Bein, die Pracht, die wiederum eine Triade mit den Füßen bilden, welche Königreich bedeuten.“
So wird der kosmische Mensch zu einem Abbild des kabbalistischen Lebensbaumes und damit des Schöpfungsimpulses selbst.

Wenn man den heutigen Menschen betrachtet, so scheint in der Tat nicht viel von einem „Adam Qadmon“ in ihm zu stecken. Und doch ist selbst er ein mikrokosmisches Spiegelbild der Welt, die ihn umgibt und die er sich beständig erschafft: Dem vom Menschen erdachten ewig notwendigen Wirtschaftswachstum stehen geschwürartig ausufernde Städte und nicht zuletzt die Zivilisationskrankheit Krebs gegenüber. Die Übersäuerung (Acidose) des Menschen widerspiegelt sich im sauren Regen und der damit verbundenen Übersäuerung unserer Böden und auch unsere Gehirnwellenrhythmen gleichen den Wetterschwingungen im ELF Bereich (extremly low frequence): Sind wir ausgeglichen und entspannt, so können wir die Kurven von schönem ruhigen Wetter wiedererkennen, naht dagegen ein Gewitter, so gleicht dies unserem Stress und „brainstorming“. Der kosmische Mensch ist offenbar erhalten geblieben, nur ist er sich als irdischen Mensch dessen nicht mehr bewusst.

Albert Einstein sagte: „Der Mensch ist ein Teil des Ganzen, das von uns Universum genannt wird, ein Teil, das in Raum und Zeit begrenzt ist. Seine Gedanken und Gefühle scheinen ihm getrennt vom restlichen Universum, eine Art optische Täuschung seines Seins.“

So sind wir keineswegs getrennt, wir erschaffen und sind der Kosmos. Dies klingt vermessen, solange man sich nur am „real existierenden irdischen Menschen“ misst. Doch der Mensch ist mehr. Der Naturphilosoph Jochen Kirchhoff nennt diese Zweiheit "sterblicher Sinnenmensch" und "kosmischer Anthropos": „Welchen Wesens ist der Mensch? Ist er als kosmischer Anthropos „gedacht“, „angelegt“, als Sternenmensch gleichsam im Angesicht einer ihn einschließenden, ja ermöglichenden und tragenden Unendlichkeit, die immer auch der Abgrund des Göttlichen ist, oder aber als kosmischer Zombie, als Idiot, als „verlogenes Tier“ (Nietzsche), das mit technischen Greifarmen hinausstößt in eine lebensfeindliche und zermalmende Leere?“ (Hagia Chora 2/1999) und er fordert damit neben der Naturökologie auch eine Bewusstseinsökolgie.

 

Wie man der Adam Qadmon erweckt

 Hildegard von Bingen: Der kosmische Mensch

In der Tat muss sich der Mensch als komischer Mensch begreifen lernen, als ein göttliches Schöpferwesen.

Am Beginn steht sicherlich die Erkenntnis, dass wir der Adam Qadmon SIND, dass wir mit Schöpferkraft ausgestattet unser Universum erschaffen. Dies kann schwerlich nur aus einer intellektuellen Betrachtung erfolgen. Es bedarf der unmittelbaren Erfahrung. Diese kann in Meditationen unterschiedlichster Couleur, in Tranceerfahrungen und dem bewussten erleben anderer Bewusstseinszustände („Bewusstseinsökologie“) erfahren werden.

Doch kann und darf dies nicht zum wahnhaft-egozentrischen Allmachtsgedanken werden. Die Erkenntnis, dass auch die uns umgebenden Menschen, Tiere und Pflanzen letztlich ebenfalls am kosmischen Wesen teilhaben, ist daher unabdingbare Voraussetzung. Erleben wir die Erde nicht in einer platt-esoterischen, die Sprache der Indianer nachäffenden Weise, sondern tatsächlich und authentisch als Wesen, als „Große Mutter“, als „Göttin“, dann kann dies ein erster Schritt sein. Erfahren wir, dass wir tatsächlich Teil dieser Erde sind: Physisch, emotional und auch geistig. Eingebunden IN der Erde lebend.

Durchdringen wir sodann den Materialismus und lassen ihn zum gelebten Tiefenmaterialismus werden, so erfahren wir die Erde als ein wahrhaft göttlichen Bewusstseinsimpuls, ein Wesen, dass uns in dieser kosmischen Schöpferkraft gleich ist: Ein Stern, eingebunden in die Kraftfelder und Wechselwirkungen des Alls, wie auch wir Sterne sind, eingebunden in die sozialen Kraftfelder und emotionalen Wechselwirkungen mit Mensch, Tier und Pflanze.

….Bis schließlich das kosmische Wesen Mensch, der ursprünglich so gemeinte und dahin sich wieder entwickelnde Adam Qadmon in uns erwacht. Erst so kann Geomantie ihre eigentliche Aufgabe übernehmen, die weit über das Verrücken von Betten und das Verlegen von Hauseingängen hinausreicht, die Aufgabe eine Brücke zu sein zwischen Erde und Mensch, zwischen Außen und Innen.

Jochen Kirchhoff: „Es gehört zu den großen Bewusstseinsaufgaben der nächsten Jahre, die Polarität von Erdenschwere und kosmischer „Leichtigkeit’’ umfassend zu denken und existentiell-meditativ zu erhellen. Eine sinnvolle Geomantie lässt sich nur aus dieser irdisch-kosmischen Polarität gewinnen oder ableiten. Und hier ist es zentral wichtig, ein vertieftes Verständnis zu gewinnen über die zarten Zusammenhänge zwischen Bewusstsein und Strahlung, auch über die Zusammenhänge zwischen Strahlung von innen nach außen und Strahlung von außen nach innen. Licht und Schwere müssen neu und sublimer als bis dato geschehen erfasst werden. Das erfordert ein erneutes und vertieftes Nachdenken über die Realsymbolik der menschlichen Gestalt; der Mesokosmos-Mensch – die mittlere Sphäre zwischen Planet und Sternenrund – muss sich neu bestimmen: einerseits mehr als zuvor erden, der Erde wirklich zuordnen, sie wirklich und wahrhaftig bewohnen, und andererseits die kosmischen Sphären seelisch-geistig-meditativ erschließen und für die Wahrnehmung öffnen, ohne der astronautischen Erdflucht oder der geozentrischen Regression zu erliegen.“ (Hagia Chora 2/99)

 

Bild oben © Thinkstock

Bild unten: Hildegard von Bingen. Codex Latinus 1942 in der Bibliotheca Governativa di Lucca


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