Über natürliche und künstliche Mantiken – ein Beitrag zur Geschichte der Geomantie


Lo Pan und trommelnde SchamaninIntuitive Geomantie auf der einen, auf Analogiesystemen beruhende Geomantie auf der anderen Seite – diese Polarität ist wohl so alt wie die Geomantie selbst. Vertreter des einen Pols sehen Ihre Fähigkeit als “Gabe“, Vertreter des anderen Pols als „Wissenschaft“; die einen neigen mehr dem Schamanismus zu, die anderen den Rechentabellen der Feng Shui-Richtungsschule.

Wie alt diese Polarität des Denkens ist, zeigt Robert J. Kozljanic in seinem Buch „Antike Heil-Ort-Rituale“, wenn er aus dem „Lexikon der Antike“ zitiert: „Die Mantik wurde in der Antike in zwei Arten unterteilt: natürliche und künstliche Mantik. >Die theoretische Scheidung in natürliche (intuitive) und künstliche (induktive) Mantik wird erst in der Stoa formuliert (…), ist aber schon früh bekannt gewesen (…). Zur natürlichen Mantik gehören alle Arten von Inspirationsmantik: Ekstase, Traum, Orakeldivination. Die künstliche Mantik umfasst die unzähligen Formen der Vorhersage, die oft bei Anwendung bestimmter Technik auf observatio [Beobachtung] und coniectura [Deutung] beruhen. …. Während in der natürlichen Mantik der Einzelne direkt in Verbindung zu göttlichen Wesen tritt, erreicht die künstliche Mantik (divinatio artificiosa) Zukunftswissen durch Beobachtung einzelner Medien und Schlussfolgerungen aus deren Verhalten … Sie setzt meist die exakte Kenntnis bestimmter Techniken voraus, rückt so methodisch in die Nähe der Wissenschaft.<“

Insofern wären unmittelbare Wahrnehmungen, wie sie z.B. bei der Wahrnehmung von Naturwesen in der modernen Geomantie genutzt werden, der „natürlichen Mantik“ zuzurechnen, während die komplexen Berechnungs- und Deutungsschemata des „Flying Stars“ im Feng Shui eindeutig Bestandteil der „künstlichen Mantik“ sind.

Cicero schreibt dazu in „Über die Wahrsagung“: „Denen also pflichte ich bei, welche die Behauptung aufgestellt haben, es gebe zwei Arten von Wahrsagungen: eine, die sich einer Kunstlehre bediene, eine andere, die ohne kunstlehre verfahre. Auf eine Kunstlehre nämlich stellen die ab, die neue Erscheinungen mittels Deutungen zu klären versuchen, alte sich aufgrund von Beobachtungen angeeignet haben. Dagegen verfahren die ohne Kunstlehre, die nicht methodisch oder mittels Deutungen die Zukunft vorausahnen – auf der Grundlage von Zeichen, die beobachtet und  festgehalten wurden -, sondern in einer gewissen Aufwallung des Geistes oder in ungebundener und freier Bewegung (in einem Zustand, wie er Träumenden häufig zuteil wird und bisweilen solchen, die in Raserei prophezeien) [….] Diejenigen aber, die alle diese Dinge deuten, verhalten sich wie die Philologen zu den Dichtern: sie scheinen ganz nahe an den göttlichen Plan derer, die sie deuten, heranzukommen.“

Insofern sind „natürliche“ und „künstliche Mantik“ seit jeher Bestandteil dessen gewesen, was man heute u.a. als „Geomantie“ kennt. Deshalb sind beide Herangehensweisen fester Bestandteil unserer Schulungen. Trancehaltungen, Wahrnehmungsschulungen, Rituale u.ä., wie sie z.B. in der Ausbildung „Schamanische Geomantie“ gelehrt werden, sind Teil der „natürlichen Mantiken“, während große Teile des Feng Shui oder die Standortastrologie den „künstlichen Mantiken“ zuzurechnen währen.  In der Antike bevorzugten die Römer die künstliche, die Griechen eher die natürlichen Mantiken.

Insofern stellen beide Pole sich ergänzende geomantische Systeme dar, die integraler Bestandteil unserer Schulungen sind, womit wir auf alten geomantischen Traditionen aufbauen.

 

Bild © Stefan Brönnle nach Thinkstock-Vorlagen


Kommentare (2)

  1. Heike Antons:
    29.03.2015 09:18

    Hab Dank für diese klaren Worte. Beim Lesen konnte sich ein Konflikt, den ich schon lange in mir trage, einfach in Luft auflösen - einfach deshalb, weil es da in Wahrheit keinen echten Konflikt gibt, nur zwei verschiedene Seiten einer Medaille. Mein persönlicher Zugang liegt mehr in der natürlichen Mantik, während die meisten Geomanten, die ich persönlich kenne, eher zur künstlichen Mantik tendieren. Meine eigene Zugangsweise ist auf persönlichen Dialog ausgerichtet - durch Gedanken, Gefühle, Bilder und Symbole. Dadurch entstand in mir der Eindruck, dass mein Zugang irgendwie falsch, unprofessionell und unreif ist. Standhaft weigerte ich mich bisher, mich selbst als Geomantin zu bezeichnen - schon dieses Wort erschien mir unpersönlich und distanziert. Bin ich jetzt nur eine "halbe" Geomantin? ;-)

  2. Stefan Brönnle:
    29.03.2015 17:39

    Ja, es lohnt sich manchmal sich mit der schienbar so trockenen Geschichte zu beschäftigen! Man muss das Rad nicht immer wieder neu erfinden. Viele Diskussionen werden schon seit Jahrhunderten geführt.

    Nein, ich sehe darin keine "halbe Geomantin". Jeder kann mit den Techniken und Methodiken (oder eben gerade Nicht-Methodiken ;-) ) arbeiten, die die seinen sind. Erlaubt ist, was funktioniert.

    Doch wir sehen als als eine "Verpflichtung" als Schule an BEIDE Wege zu gehen und nahezubringen.

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