Trance - Die Macht der Seele im Schamanismus


Ein Adler fliegt über ein TalVergleichende Studien der Religionen lassen vermuten, dass die Veränderung  der Kulturen hin zur Sesshaftigkeit, Landwirtschaft und Schrift eine Wende markierte. Die Menschen, die sich zuvor mit den Tierwanderungen durchs Land bewegten, hatten eine andere Bewegung der Seele. Diese schien frei umherschweifen zu können, ganz den Zyklen der Gestirne und den Bewegungen der Tiere  folgend. Sie war fähig, sich beliebig als Mensch oder Tier zu zeigen. Auch europäische Märchen bewahren bis heute die Erinnerung an diese Verwandlungen. 

Später wurde die Seele „sesshaft“, sie verlor die Fähigkeit der alten schamanischen Menschen. Die Landwirtschaft veränderte auch die Beziehung zur Erde. Die Sesshaftigkeit machte die Menschen abhängig von Niederschlägen und guten Ernten, der Sonnenkalender wird bedeutsam und löst in manchen Regionen den alten Mondkalender ab. Das Bewusstsein richtet sich immer mehr auf die Erhaltung des Geschaffenen aus. Unwetter und andere Einflüsse werden nun als Bedrohung erlebt, da sie das Geschaffene zu vernichten drohen. Die Urkräfte der Erde werden nicht mehr als lebensschöpferische Kräfte geachtet, sondern - symbolisch in der Gestalt der Schlange - als Zerstörer der göttlichen Ordnung angesehen. Die Seele fand so keinen Zugang mehr zum Wesen der Erde, denn ihre physische Wirklichkeit war nun besetzt durch diese Projektion der Angst. Sie entschwand aus dem, was der Mensch göttlich nannte. Doch das ist nicht weltweit so.

Die indigenen Kulturen ehren Mutter Erde als Gebärerin allen Lebens. Die Kogi kennen eine Mutter-Kraft, Aluna genannt. Aluna ist ein Geheimnis, nicht Mensch, nicht Ding, aus dem Ozean kommend, das Meer, das Fruchtwasser. Es ist das Konzept der Weiblichkeit, die zentrale spirituelle Kraft (Mutter) gebiert alles, sowohl die Form, das Materielle, als auch den Inhalt, die Intelligenz, die das Materielle formt. Auch die Geomantie versucht den Erscheinungsformen dieses Schöpferwesens von der Materie bis in die geistigen Sphären zu folgen und ein Bewusstsein dafür zu entwickeln. Diesen Weg zu beschreiten, bedeutet, die Seele aus ihrer „Gefangenschaft“ zu befreien und ihr die ursprünglichen Kräfte zurückzugeben: Die Fähigkeit der Seele zur Seelenreise ist schließlich ein Geburtsrecht! Die im Schamanismus praktizierte Trance erlaubt der Seele, in Bereiche der Wirklichkeit zu gelangen, die uns Westler sonst meist verborgen bleibt. Die äußere Form zu verändern, plötzlich mit den Sinnen eines Tieres ausgestattet zu sein, das Land aus der Sicht eines Baumes zu erleben, unmittelbar vor einer Person zu stehen, die verstorben ist und mit ihr sprechen zu können, diese Erfahrungen verändern unsere Auffassung von der Welt, wie sie gebaut ist.

Wenn die Seele wieder herumschweifen darf, fallen viele Weltbilder und Dogmen der materiellen-industriellen Kultur wie Kartenhäuser in sich zusammen und geben den Raum frei. Je nach Kultur besitzt ein Mensch mehrere Seelen, die für unterschiedliche Aufgaben zuständig sind. Eine Seele kann die des Körpers sein, eine andere für die Reise in die Jenseitswelt der Verstorbenen. Die Ägypter kannten das Konzept des Ka und Ba, die zwei Seelen des Menschen, die nach dem Tod unterschiedliche Bestimmungen haben. Die Seele scheint ohne Dimension zu sein, sie kann überall hineinschlüpfen, als Tier, Pflanze, Stein erscheinen, kann sich beliebig verwandeln und überall hin reisen. Sie scheint ein Tropfen des großen Bewusstseins zu sein, das in allem ist und zu diesem sie wieder werden kann, sobald sie ihr Tropfendasein verlässt.

 

Text: Sibylle Krähenbühl

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