Erde und Mensch: Das Märchen Schneeweisschen und Rosenrot


Eine rote Rose auf weißem Grund und eine Weiße Rose auf schwarzem GrundMärchen sind Mythen mit einer tiefen Symbolik. Sie greifen zurück auf kulturelle seelische Erfahrungsschätze. Viele dieser Seelenerfahrungen reichen dabei weit in die grundlegende Beziehung von Erde und Mensch hinein. In dieser Reihe wollen wir dem geomantischen Gehalt einiger Märchen nachspüren.

Wer das Märchen nicht kennt und noch einmal lesen möchte, findet es hier:
http://www.grimmstories.com/de/grimm_maerchen/schneeweisschen_und_rosenrot

Die Geschichte um Schneeweißchen und Rosenrot ist eine Beschreibung des paradiesischen Zustandes zwischen Mensch und Erde in der Vergangenheit, des aktuellen Kampfes des Menschen mit der Natur und der Verheißung eines erneuten „Paradieses“.

Schneeweißchen und Rosenrot sind Schwestern. Doch anders als in anderen Zwei-Schwester-Märchen wie z.B. in Frau Holle Goldmarie und Pechmarie, in denen die Schwestern Antipoden darstellen, sind in diesem Märchen beide Schwestern in Liebe verbunden. Sie leben gemeinsam im Haus ihrer Mutter. Ihre beiden Farben – Weiß und Rot – sind so konträr, dass wir dennoch in den beiden Schwestern Polaritäten erkennen müssen:
„Rosenrot sprang lieber in den Wiesen und Feldern umher, suchte Blumen und fing Sommervögel; Schneeweißchen aber saß daheim bei der Mutter, half ihr im Hauswesen oder las ihr vor, wenn nichts zu tun war….Im Winter zündete Schneeweißchen das Feuer an “. Deutlich erkennen wir eine Winter- und eine Sommerseite wieder. Die Weiße bleibt im Haus und schürt das Feuer, die Rote ist aktiv und wird mit dem Sommer verbunden.

Benannt sind sie nach zwei Rosenbäumen im Garten ihrer Mutter. So sind beide Schwestern Polaritäten desselben Prinzips. Sie sind Kinder von Mutter Natur. Diese Interpretation ist offensichtlich, denn der Bär sucht sich das Haus der Mutter als Höhle für den Winterschlaf aus. Das Haus der Mutter IST die Erde!
Beide Kinder sind in einem innigen Zustand der inneren Verbundenheit mit der Erde und der Natur: „Kein Unfall traf sie - wenn sie sich im Walde verspätet hatten und die Nacht sie überfiel, so legten sie sich nebeneinander auf das Moos und schliefen, bis der Morgen kam, und die Mutter wusste das und hatte ihretwegen keine Sorge.“ Dies und die beiden Rosenbüsche als totemistisch-florales Alter Ego der Schwestern im Garten von Mutter Natur verweisen auf einen Zustand, indem der Mensch in vollkommenem Aufgehobensein und Geborgenheit, in Harmonie mit der Erde lebte.

Nun kommt der Bär ins Haus. Auch der Bär ist ein altes Symbol der Kraft der Erde. Er wird von der Mutter auch gleich als gutwillig erkannt und freudig eingelassen. So zeigt sich der Bär als einen besonderen Aspekt der Erde und letztlich auch des Verhältnisses von Mensch und Erde. Doch im Frühjahr muss der Bär das Haus verlassen. Da er seine Schätze vor einem gierigen Zwerg hüten muss.

Der Zwerg, der in ähnlicher Weise z.B. auch in „Der undankbare Zwerg“ auftaucht, ist gierig, roh und verletzend. Die Kinder begegnen ihm mehrere Male und helfen ihm, aber der Zwerg hat dennoch nur Hohn und Spott für sie übrig. In der Geschichte kämpft der Zwerg gegen ein Wesen der Erde (einen Baum), ein Wesen des Wassers (einen Fisch) und ein Wesen der Luft (Vogel). Obwohl hier in der klassischen Märchen-Dreigliedrigkeit, scheint doch die archetypische Vier-Elemente-Lehre hindurch. Der Zwerg befindet sich im Kampf mit den Elementen und mit der Erde selbst. Und egal wie oft die Erdenkinder Schneeweißchen und Rosenrot ihm helfen, er verhöhnt sie und damit die Erde dennoch nur weiter. Ist es eine zu gewagte Interpretation, diesen Zwerg mit dem heutigen Menschen gleichzusetzen? Gierig, zerstörerisch und der Erde gegenüber undankbar?

Beim vierten Treffen der Kinder mit dem Zwerg, als der Zwerg seine Schätze zählt, wird er „zinnoberrot vor Zorn“. Der Zorn wie auch die rote Abendsonne verweisen auf das vierte der Elemente (Feuer). Doch nun eilt den Schwestern der Bär zur Hilfe und erschlägt den Zwerg. Damit ist auch der Zauber des Bären gebrochen. Sein Fell fällt ab und ein Prinz steht dort.

Der Bär zeigte sich schon beim Abschied aus dem Hause der Mutter als eine besondere Bewusstseinskraft. Denn als der Bär das Haus verlässt reißt er sich ein Stück Pelz an der Tür ab und da ist es Schneeweißchen „als hätte es Gold durchschimmern gesehen“. Gold als das der Sonne, dem Bewusstseinssymbol, zugeordnete Metall, weist den Bären als ein weises, bewusstseinskräftiges Wesen aus, das zwar offenbar in seiner Wildheit gefangen, aber dennoch gutmütiger und großherziger als der Zwerg ist. Die Tatsache, dass der Tot des Zwerges zum neuen Leben des Bären-Prinzen führt, weist darauf hin, dass auch diese beiden irgendwie verbunden sind. Während der Zwerg die gierige, zerstörerische, brutale Seite des Menschen – man könnte sagen des heutigen Zivilisationsmenschen – widerspiegelt, spiegelt der Bär die weise Bewusstseinskraft des naturverbundenen „Wilden“ wider.

Der Wechsel geschieht bei Sonnenuntergang. Ein Zyklus neigt sich dem Ende. Der gierige Mensch stirbt und der naturverbundene ersteht wieder auf. Nun kommt es zu einem neuen „goldenen Zeitalter“, denn „Schneeweißchen ward mit ihm vermählt und Rosenrot mit seinem Bruder“. Auch dies ein typisches Märchensymbol, das die Identität der beiden Schwestern hervorhebt: Der neue Mensch wird sich seiner Gier entledigen und sich mit der Natur, mit den Kräften der Erde „vermählen“.

Welch wunderbare Prophezeiung! Vielleicht erleben wir ja zur Zeit die letzten Wutausbrüche des „Zwerges“ in der „Abendsonne unserer Zivilisation“? Ganz damit beschäftigt, die geraubten Schätze zu zählen, bemerkt der „Zwerg“ nicht wie nahe die Verwandlung ist….

Bild © Thinkstock

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