Erde und Mensch: Das Märchen Frau Holle


Brunnen in BurghofMärchen sind Mythen mit einer tiefen Symbolik. Sie greifen zurück auf kulturelle seelische Erfahrungsschätze. Viele dieser Seelenerfahrungen reichen dabei weit in die grundlegende Beziehung von Erde und Mensch hinein. In dieser Reihe wollen wir dem geomantischen Gehalt einiger Märchen nachspüren.

Wer das Märchen nicht kennt und noch einmal lesen möchte, findet es hier:

Frau Holle

 

 

In >Frau Holle< begegnet uns die matriarchale Vorstellung einer Schicksals- und Erdgöttin am offensichtlichsten. Frau Holle ist dabei mit verschiedenen Göttinnengestalten verwandt, ja aus diesen hervorgegangen:

Da ist zum einen die germanische Unterweltsgöttin HEL. Ihr Name ist zugleich der Name ihres unterirdischen Totenreiches. Etymologisch lässt sich davon unser Wort engl. Hell/deutsch Hölle ableiten. Allerdings ist dies eine christliche Interpretation der vorchristlichen Unterweltsvorstellung. Frau Holle hat von ihr nicht nur den Namen übernommen, sondern auch das Reich, das sie bewohnt. Frau Holle ist hier die unmittelbare Übersetzung der Hulda, oder Hel.

Ein anders Beispiel ist URD, eine der drei Nornen am Fuße des Weltenbaumes Yggdrasil. Urd (altnordisch Urðr »Schicksal«, verwand mit dem germanischen „Wurd“ oder „Wyrd“ = Schicksal) hütet den nach ihr benannten Urdarbrunnen. Der Sitz des Brunnens am Weltenbaum bringt ihn in unmittelbare Beziehung zur Weltenachse (axis mundi). Sie verbindet die verschiedensten (Bewusst)-Seins-Reiche.

Nun, die nicht-leibliche Tochter muss die gröbsten Arbeiten verrichten. „Das arme Mädchen musste sich täglich auf die große Straße bei einem Brunnen setzen und musste so viel spinnen, dass ihm das Blut aus den Fingern sprang. Nun trug es sich zu, dass die Spule einmal ganz blutig war, da bückte es sich damit in den Brunnen und wollte sie abwaschen; sie sprang ihm aber aus der Hand und fiel hinab.“ Erneut (wie schon im Märchen >Dornröschen<) begegnet uns hier die Spindel als Symbol der Mitte und der Weltenachse. Wie in der vorfolgenden Märchenbesprechung erwähnt, wird die Spindel interkulturell als ein solches Symbol verstanden. Dass das Mädchen mit ihrer Spindel nun am Brunnen sitzt, macht offensichtlich, dass auch dieser eine solche Weltenachse ist, so wie der Urdarbrunnen am Fuße der Weltenesche steht. Deshalb war es im Mittelalter auch gebräuchlich aus Brunnen zu weissagen. Trotz eines Verbotes dieser Brunnenwahrsagerei, die Papst Gregor III. 731 aussprach, blieb das Brauchtum noch lange erhalten. Brunnen bilden selbst eine „axis mundi“ in das Reich der großen Göttin. Auch in >Frau Holle< stellt sich die Weltenachse in die Erdentiefe als ein Portal heraus.

 

Das Mädchen fällt oder springt (je nach Märchenversion) in den Brunnen und kommt in ein unterirdisches Reich. Das Brot will aus dem Ofen geholt werden, der Apfelbaum geerntet. Beides erledigt das Mädchen. Sie verrichtet die Arbeit, die sie gewohnt ist.
Das Mädchen, das erst später im Märchen „Goldmarie“ genannt wird, ist eine Vertreterin der hellen, lichten Jahreszeit. Im Sommer steht Arbeit an: Getreideernte, Backen, Apfelernte,…. Goldmarie erledigt dies, weil sie als „Sommerkind“ gewohnt ist, dies zu erledigen.
Hierin spiegelt sich eine alte Vorstellung, die schon in >Schneewittchen< angeklungen war: Die „Jahresgöttin“. Wir haben dies zum Beispiel auch in der griechischen Mythologie in Kore und Persephone dargestellt: Wenn Kore als Perephone in der Unterwelt weilt, ist es auf Erden Winter, kehrt sie als Kore zurück, lebt auch die Erde wieder auf, es wird Sommer. Wenn nun die Gestalt des Sommers im Herbst sich verabschiedet, so die Vorstellung, so geht sie in die Unterwelt. Und genau hier befindet sich nun Goldmarie. D.h. in der physischen Welt ist nun Winter. Wenn Goldmarie die Betten bei Frau Holle schüttelt, so schneit es auf Erden.

In Ihrer Begegnung mit Frau Holle wird über das beschriebene Erscheinungsbild der Holle ihre Identität mit Urd noch einmal hervorgehoben: „Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guckte eine alte Frau, weil sie aber so große Zähne hatte, ward ihm Angst, und es wollte fortlaufen“. Wie die „Perchten“ wird Frau Holle als „Wilde Alte“ präsentiert, als ein Ausdruck der Urkraft der Erde.

Nach der fürstlichen Belohnung für seine Arbeit mit Gold – dem Symbol des Sommers und der Sonne – gelangt Goldmarie zurück in die physische Welt. Nun, wenn die Sonne und die Wärme zurückkehren, ist es Zeit für die Yinseite des Jahres die Oberfläche zu verlassen. Darum springt nun „Pechmarie“ hinunter in die Unterwelt. Während aber ihre Schwester arbeitete, lässt sie alle Arbeit liegen. Was die Gebrüder Grimm als moralisches Gebot sahen, war in einer bäuerlichen Kultur gelebte Praxis. Im Winter gibt es dort nicht so viel zu tun, es ist kalt und so liegt man lieber lange im warmen Bett.
Der Winter befindet sich nun in der Unterwelt. Gottseidank schüttelt Pechmarie nur zu Beginn ihres Aufenthalts in der Unterwelt ein wenig die Betten, so kann es gelegentlich geschehen, dass es in der materiellen Welt im Frühling noch schneit. Später lässt dies Pechmarie bleiben ….und das ist gut so für uns!
Das Überschütten mit Pech zeigt deutlich, dass sie die dunkle, kalte Jahreszeit verkörpert.

So geht es in >Frau Holle< weniger um die Moral der Arbeit, als vielmehr um den Rhythmus der Erde und die mit einem den Jahreskräften zugesprochenen Bewusstsein. Gleichzeitig erscheint Frau Holle wie Urd als eine Schicksalsgöttin, die das Schicksal der Menschen durch ihre Gaben bestimmt.

 

 

 


Kommentare (1)

  1. Gitta Rath:
    02.12.2014 15:41

    Die Pechmarie war ein Schreckgespenst meiner Kindheit. Es tut sehr gut, eine neue Interpretation zu hören: im Winter gibt es nichts zu tun ...

  1. 1

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