Der Verlust des Heiligen


Plastikkanister mit Aufschrift "Weihwasser"Wir fordern auf, sich auf einen Moment starker und möglichst einseitiger religiöser Erregtheit zu besinnen. Wer das nicht kann oder wer solche Momente überhaupt nicht hat, ist gebeten, nicht weiter zu lesen. Denn wer sich zwar auf seine Pubertätsgefühle, Verdauungsstockungen oder auch Sozialgefühle besinnen kann, auf eigentümlich religiöse Gefühle aber nicht, mit dem ist schwierig Religionskunde zu treiben."

So schreibt Rudolph Otto in seinem 1917 veröffentlichten Buch „Das Heilige - Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen". Das Heilige von Rudolph Otto gehört zu den großen Bestsellern der Religionswissenschaft und wurde in über 20 Sprachen übersetzt. Dennoch hat es offenbar wenig Wirkung im heutigen alltäglichen Leben entfaltet. Wir haben das Heilige aus unserem Leben verbannt, wir verstehen es nicht mehr – insofern man bei einem Erlebnis, das gefühlt werden muss, überhaupt von verstehen sprechen kann.

Selbst in der gelebten Religion scheint das Heilige aus dem Bewusstsein verschwunden: Da stehen Staubsauger und Putzeimer verborgen hinter dem Hochaltar, die Kirche ist verschlossen, aber vor der Türe kann man sich Weihwasser aus einem Plastikkanister zapfen, so als wäre es destilliertes Wasser für die Kühlung des Autotanks. Im Kreuz verborgen werden auf dem höchsten Punkt des Tempels Mobilfunksender versteckt. Wer hier nicht innerlich aufjault und seelischen Schmerz ob der Besudelung des Heiligen an sich erleidet, versteht eben nicht das Heilige.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Es ist nicht der Plastikkanister, der Staubsauger oder die Mobilfunkantenne an sich, die entweiht. Es ist das Unvermögen die Heiligkeit des Rituals zu verstehen und zu respektieren. Und wer jetzt beginnt, über die Kirche zu lästern, dem sei gesagt: Auch in der Esoterik sieht es nicht anders aus. Man mag zur Kirche stehen wie man will, aber man sollte die Kraft des Rituals verstanden haben. Hat man aber nicht. Da wird gelästert und geschimpft, weil ein Priester jemanden den Ausgang verwehrte, der eine Hostie nicht schlucken wollte und diese anderen Zwecken zuzuführen gedachte (Quelle). Dass die Hostie in diesem Falle als Allerheiligstes betrachtet wird und den sakralen Raum nicht verlassen darf, ist nur noch eine Anekdote einer finsteren, voraufgeklärten Zeit. Bei einer schamanischen Schwitzhüttenzeremonie wurde die Linie aus Steinen von der Feuerstelle zur Grube in der Schwitzhütte als heilige Grenze erklärt, die nicht übertreten werden dürfe. Gekümmert hat das den einen oder anderen Teilnehmer wenig. Selbst auf dieses Sakrileg hingewiesen, war Unverständnis und Kopfschütteln die Reaktion. Das fremde Ritual wird genutzt, die Heiligkeit bleibt unverstanden in der Ecke.

Dieses Unverständnis dem Numinosen und Heiligen gegenüber begegnet mir in allen „sozialen Blasen", egal ob Katholik, der die Kirche betritt, Esoteriker an Kraftorten, Wicca- oder Schamanen-Affine. Mit Grauen musste ich mich abwenden als Radiästheten auf den Altar einer Kirche stiegen, um Mutungen in größerer Höhe vornehmen zu können. Der Altar verkommt zur Trittleiter.

Dieses Unvermögen, das Heilige anderer spiritueller Gruppierungen zu ehren, zu respektieren, ja überhaupt wahrzunehmen, ist meiner Auffassung nach ursächlich für das ethische Desaster, mit der wir der Erde und ihren Geschöpfen begegnen: Es sind ja nur Tiere, die da in Schweine-KZs verrecken, es ist nur die unerschöpflich erscheinende Müllgrube des Meeres, die alles schluckt, es sind ja nur Heiden, deren religiöse Bildnisse man verbrennen darf (wie ein Priester, der ausgerechnet auf der Amazonas-Synode in Mexiko Bilder von Pachamama – der „Göttin Erde" - verbrannte wie die Holzfäller den Regenwald)  und ja, es sind ja nur diese ekelhaften, dummen Christen, die Kirchen bauen.

Das Heilige in uns ist verloren gegangen. Recht haben und andere abwerten ist die neue Heiligkeit. Dabei steht das Heilige jenseits der Religion, jenseits der spirituellen Gruppierung. Es ist die Kraft des alles durchdringenden Bewusstseins schlechthin, die Lebenskraft, die uns geschenkt ist und die Beseeltheit eines Ortes. Egal, ob Dir der Altar darauf passt oder nicht, das Heilige des Ortes verdient Deinen Respekt; egal, ob Du Tiere isst oder nicht, ihre Beseeltheit bedarf Deiner Achtung.

Wer sich über den Respekt anderer Religionen echauffiert und lustig macht, die diese der Heiligkeit entgegen bringen, der kann sich – wie Rudolph Otto sich vor 100 Jahren ausdrückte „zwar auf seine Pubertätsgefühle, Verdauungsstockungen oder auch Sozialgefühle besinnen", aber nicht auf religiöse Gefühle. Traurig und erschütternd, denn ohne die Wahrnehmung des Heiligen sehe ich wahrlich wenig Chancen für die Menschheit auf dieser wunderbaren heiligen Erde...

 

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Bild © Stefan Brönnle


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