Das Geheimnis der Neidköpfe


NeidkopfAls Nid- oder Neidköpfe werden oft fratzenhafte Gesichter aus Stein und Holz bezeichnet, die an Mauern, Eingängen, Brücken und Hausgiebeln zu finden sind. Der Begriff entstammt dem althochdeutschen Wort nid für „Hass, Zorn oder Neid", ist also schon vom Wort her „emotional", seelenhaft, geladen. Die Köpfe haben apotropäische, also unheilabwehrende Funktion.

Die magische Grundidee ist hier zunächst die Spiegelung: Dem Dämonischen, Bösen, wird etwas Gleichartiges entgegengesetzt; zum einen in der Vorstellung, der Böse Geist würde das Bauwerk dadurch bereits als „von den seinen besetzt" sehen und darum davon ablassen, zum anderen indem der böse Geist einen Spiegel seines Selbst zu erkennen glaubt, was nach vielen Mythen das Böse nicht erträgt und darum flieht.

Neidkopf als Wächter am BrückenkopfEiner Theorie zufolge sollen Neidköpfe auf den keltischen Brauch zurückgehen, die abgeschlagenen Köpfe von Feinden als magische „Gefäße" der Kraft und der Seele an Mauern und Türen zu hängen. Dem spricht jedoch entgegen, dass apotropäische Köpfe an Mauern und als Schutzfiguren an Eingängen auch außerhalb keltischer Regionen nahezu weltweit anzutreffen sind (in Japan z.B. werden sie niō genannt) und auch manchmal aus Zeiten vor der keltischen Besiedelung stammen. Vielmehr scheint der Kopfkult der Kelten umgekehrt von der apotropäischen Nutzung nachgebildeter Köpfe abzustammen.
Grundsätzlich richtig ist, dass in vielen Regionen der Kopf als magisches Artefakt betrachtet wurde, dass die Seelenkraft eines Menschen über den Tod hinaus in sich trug. So wird auch die Nachbildung eines Kopfes quasi zu einem magischen Gefäß, dass Seelenkraft aufzunehmen imstande ist.

In Mitteleuropa befinden sich viele Neidköpfe an der Westfassade von Häusern und Kirchen. Der Westen stellt ein Pendant zur Kraft des Ostens dar. Während der Osten mit dem Tagesbeginn und damit mit der Geburt verbunden ist, ist der Westen mit dem Tod assoziiert. Im Christlichen verheißt der Osten die erlösende Wiederkunft Christi, dem als Pendant die Neidkopf am Kirchturm Fraueninselübelwollende Kraft des Westens und seiner Dämonen gegenübergestellt wurde. Doch bei weitem nicht alle Neidköpfe sind im Westen anzutreffen. Es müssen also noch weitere Kriterien für die Auswahl eines Platzes für den Neidkopf eine Rolle gespielt haben.

Gehen wir weit zurück zu den Ursprüngen unserer Kultur vor der Völkerwanderung ins Industal, so finden wir dort noch heute gebräuchliche geomantisch-rituelle Systeme, die die Entstehung von Neidköpfen erklären können. Im indischen Vastu wird beim Bau eines Tempels oder Hauses, der Bauplatz zuvor rituell gereinigt. Etwa hier ansässige kleinere Ortsgeister werden vertrieben, um so einen Bauplatz in spiritueller Reinheit zu erhalten. Am Rande jedoch wird diesen Kräften ein Platz und eine Aufgabe zugewiesen. Im Profanbau werden so ehemalige Naturgeister mit der Aufgabe des Schutzes des Baues betraut. Auch hier werden zum Teil vollständige Figuren, zum Teil Köpfe aus Stein, erschaffen, die den Naturgeistern und „geringen Göttern" als Sitz und Gefäß dienen.

Neidkopf mit ORBsIn der geomantischen Betrachtung sind Neidköpfe sehr häufig somit Fokuspunkte, „Gefäße", für geistige Wesen, die oft vormals bereits am Ort präsent waren. Neben Wächterfiguren am Eingang, die geistig meist als Sitz von geschaffenen Elementalen zu sehen sind (historisch belegt sind z.B. regelmäßige Opfergaben für die steinernen Wächter des Palastes von Alaca Höyük), können vor allem jene Neidköpfe, die scheinbar willkürlich ohne Bezug zur Architektursymmetrie des Baues am Mauerwerk sitzen, als Gefäße von Naturgeistern wahrgenommen werden. Oft interagieren die „Standorte" mit anderen geomantischen Phänomenen wie Wasseradern oder Ätherlinien.

Neidköpfe insbesondere an älteren (antiken und mittelalterlichen) Bauten stellen damit ein Zeugnis rituell-magischer Denk- und Bauweise dar, die durchaus in andere Wirklichkeiten hineinreichen. Erst in späteren Zeiten – wie z.B. an Jugendstilgebäuden - formalisieren sich Neidköpfe und Wächterfiguren mehr und mehr zum Zierrat.

 

 

 

 

 

Bild oben © Edda Dupree/fotolia.com
alle anderen Bilder © Stefan Brönnle


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